Hoffmanns Büdchen (31) – “Ich bin Arzt. Hat hier jemand einen Arzt gerufen?”

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hört UKW auf einem alten Radio, was er auf dem Speermüll gefunden hat. Sein Stammkunde Lukas wird wieder zetern, dass Herr Hoffmann altbacken ist, aber der Kiosk Betreiber lässt sich sicher nicht von seinen Kunden UKW, LP oder MC verbieten. „Soweit kommt es noch. Mir vorzuschreiben, wie ich Nachrichten oder Musik höre. Lächerlich“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchen Talk nennt er diese Selbstgespräche).

Auf UKW laufen die Nachrichten. Der Ministerpräsident des Landes sagt gerade, dass er eine grüne Seele hat, aber auch ein Herz für den Bergbau. „Sind wir nicht alle ein bisschen schizophren?“, sagt Herr Hoffmann im Büdchen Talk Modus, da läutet das Türglöckchen. Ein Kunde betritt den Laden. Mitte Fünfzig, Leinenhose, Segelschuhe, Polohemd. Ein leichter Kaschmir Pullover liegt über den Schultern, legér vor der Brust zusammengebunden.

Der Kunde möchte eine Packung Kaugummis, Menthol. Er sagt, er habe mal geraucht, aber er ist Arzt. „Als Arzt bin ich auch Vorbild“, sagt der Arzt. „Ah“, sagt Herr Hoffmann und nickt kundenfreundlich.

„Freiwilliger im Impfzentrum“, führt der Arzt weiter aus. „Ah“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, ich helfe gerne. Auch wenn ich auf der Straße ein Unglück sehe. Ich versuche immer zu helfen.“ „Sehr gut.“ Herr Hoffmann nickt freundlich.

„Erst gestern konnte ich bei einem Fahrradunglück helfen.“ „Oho“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, war aber nicht schlimm. Schnell eine stabile Seitenlage und dann die 110.“ “Hui“, sagt Herr Hoffmann.

„Ohne uns Ärzte wäre das alles sehr schlimm geworden.“ „Ja, das wäre sehr schlimm geworden“, wiederholt Herr Hoffmann.

Der Arzt bezahlt seine Kaugummis. Menthol, wie gesagt.

„Wenn die Menschen mehr auf uns Ärzte hören würden, gehe es allen besser,“ erklärt der Arzt dem einfachen Büdchen Kaufmann. „Ja, so ist das“, bestätigt Herr Hoffmann.

Plötzlich hören sie draußen Lärm. Herr Hoffmann und der Arzt schauen raus. Vor dem Kiosk hat sich eine junge Frau, ein Teenie Mädchen, mit ihren Rollschuhen auf den Asphalt ausgestreckt. „Mein Gott“, schreit der Arzt und rennt aus dem Büdchen. „Ich bin Arzt. Wird hier ein Arzt benötigt?“, brüllt er noch im Laden, vergisst in der Eile sogar sein Wechselgeld.

Doch leider ist er zu spät. Zwei andere Ärzte haben sich vor Hoffmanns Arzt auf die frische Patientin gestürzt.

„Hilfe“, hört Herr Hoffmann das Mädchen rufen, die zuerst nicht begreift, dass man ihr doch nur helfen will.

Herr Hoffmann schmunzelt. er schaut auf das vergessene Wechselgeld des Kunden. Zuerst überlegt er, ob er es dem Arzt nachträgt, doch dann schmeißt er es in das kleine Sparschiffchen auf der Theke. “Spenden für Seenotopfer” steht auf dem Schiffchen. “Hier in Münster sollte man nie die Seefahrer vergessen”, sagt Herr Hoffmann und einen kurzen Moment muss er an seinen Vater denken, an den alten Piraten, aber das ist eine andere Geschichte.

Hoffmanns Büdchen (30) – Hoffmanns Gendern oder die Angst vor dem generischen Femininum

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Der Kiosk Betreiber will heute seinen ersten Post in einem Internet Forum abschicken (Herr Hoffmann ist nicht altmodisch, er ist nur langsam). Glücklicherweise kommen kurz bevor er die Nachricht absenden kann, die beiden Stammkunden und – man kann es sagen – Freunde Lukas und Paket Paul in den Laden. Beide bemerken, in welche gefährliche Lage sich der Büdchen Kaufmann bringt, wenn er den „Post“ absetzt, denn Herr Hoffmann hat sich in einem Politik Forum dem Kriegsschauplatz Identitätspolitik gewidmet.

„Warum?“, fragen sie beide und wollen auf jeden Fall vorher den „Post“ lesen, der sich mit dem generischen Femininum beschäftigt und Herrn Hoffmanns Meinung wiedergibt, dass man das ganze „Gendern“ doch einfach umschiffen kann.

„Herr Hoffmann, wenn du das postet, ist der Shit Storm perfekt“, sagt Lukas und Paket Paul stimmt ihm hektisch mit den Armen winkend zu. „Da stichst du in ein Wespennest“, sagt der Paket Bote. „Es geht doch gar nicht ums richtige Gendern; es geht ums Recht haben“, ergänzt er. „Nehmt ihr das nicht zu wichtig. Ich will doch nur mal etwas dazu schreiben, mich an der Diskussion beteiligen.“ Lukas lacht. „Diskussion?“ Herr Hoffmann versteht nur Bahnhof. „Herr Hoffmann, beim generischen Femininum gibt es nur schwarz oder weiß, das sage ich dir als Freund“, erklärt Paket Paul mit einem ernsten Gesicht.

Später steht Herr Hoffmann wieder alleine hinter der Theke. Er musste seinen Freunden versprechen, den „Post“ nicht abzuschicken Sie empfahlen ihm erst einmal etwas weniger Sensibles. „Vielleicht mal was lustiges über die Deutsche Bahn“, riet Lukas.

Herr Hoffmann hat am Ende gar nichts gepostet. Aber er ist nachdenklich geworden. Was soll das denn für eine neue digitale Meinungsfreiheit sein, in der es nur schwarz und weiß gibt und kritische oder auch falsche Meinungen so angegangen werden.

Hoffmanns Büdchen (29) – Über Selbstgespräche, Doromanie und die Frage, warum Herr Hoffmann ein 600 Seiten Lexikon unter der Theke hat

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Lukas hat ihm ein Spiel auf sein neues Handy installiert. Tetris. Herr Hoffmann ist vielleicht altmodisch, aber nicht doof: Nach zwei Spielen Tetris hat er das Spiel wieder von seinem Handy runtergeschmissen. „Dann lese ich lieber meine Zeitungen“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber, Büdchen-Talk nennt er diese Selbstgespräche.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Der hängt auch nur noch hier rum“, nörgelt Herr Hoffmann, aber ist eigentlich ganz froh, Gesellschaft zu haben.

Lukas erzählt Herrn Hoffmann von einem Bäcker, der am Anfang der Corona Krise, sein Leid vor der Kamera zum Besten gab. Das Video ging viral und jetzt ist der Bäcker ein gemachter Mann. „Jeder will jetzt nur noch bei ihm Brötchen kaufen“, erklärt Lukas Herrn Hoffmann das Video. Herr Hoffmann fragt sich, warum Lukas ihm das erzählt. Gleich will er noch, dass ich auch so ein Video aufnehme, denkt Herr Hoffmann. „So weit kommt es noch“, sagt er zu sich selber. „Du solltest auch so ein Video aufnehmen“, sagt Lukas. Herr Hoffmann schlägt sich vor die Stirn, packt sich am Kopf, kullert mit den Augen. „Was? Ich meine das ernst“, sagt Lukas unberührt. „Das befürchte ich.“ Herr Hoffmann greift neben sich zur Kaffeemaschine und gießt sich eine Tasse guten Filterkaffee ein. „Du auch?“, fragt er Lukas (natürlich nicht für umsonst). „Ich nehme ein Bier, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und nimmt sich das Bier selber aus dem Kühlschrank Herr Hoffmann macht auf Lukas Deckel einen Strich. „Deinen Deckel könntest du auch mal bezahlen,“ sagt der Kiosk Betreiber mit Blick auf den Deckel.

„Doromanisch bist du wirklich nicht, Herr Hoffmann.“ Lukas kommt mit seinem Bier zur Theke und versucht an einer Ecke der alten Holzvertäflung den Kronkorken abzukriegen. „Wehe“, droht Herr Hoffmann und reicht Lukas einen Flaschenöffner. Während Lukas das Bier traditionell öffnet und Herr Hoffmann heimlich unter der Theke in einem Lexikon nachschlägt, was doromanisch heißt, redet der Student weiter über Herr Hoffmanns digitales Marketing. „Was du brauchst ist eine Online Präsenz. Die ganze Welt hat wenigstens eine Homepage, Herr Hoffmann. Aber du? Du bist digital so sichtbar wie eine Miesmuschel am Strand von Sylt.“ Lukas lacht. Herr Hoffmann verzieht das Gesicht. „So, so. Miesmuschel am Strand von Sylt“, muffelt er. „Und was heißt doromanisch? Ich finde das nicht.“ „Hast du da wirklich ein Lexikon unter der Theke, fragt Lukas. Herr Hoffmann zeigt ihm das Lexikon, ein 600 Seiten dicker Schmöker. „Guck doch in dein Handy. Das ist nicht so schwer und da steht es drin“, rät Lukas. Aber Herr Hoffmann winkt ab. Er will diesen ganzen Schnickschnack nicht.

Erst als Lukas auf dem Kiosk verschwunden ist, guckt Herr Hoffmann doch noch auf seinem Handy, was es mit der Doromanie auf sich hat. In der Wikipedia liest er: Doromanie bezeichnet ein krankhaftes Verhalten, übermäßige viele Geschenke zu machen.

„Nein, dieses Sucht hat er wirklich nicht. Also…“, sagt er zu sich selber (Büdchen – Talk AN), da geht aber schon wieder sein Türglöckchen. (Büdchen – Talk AUS)

Hoffmanns Büdchen – Hoffmanns Ohrhaar

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und unterhält sich mit Paket Paul.

Paket Paul heißt eigentlich nur Paul, aber da er Pakete ausliefert nennen ihn alle Paket Paul. Er bestreitet aber ,dass ihn alle Paket Paul nennen. „Nur Herr Hoffmann und seine blöden Stammkunden nennen mich Paket Paul“, behauptet Paket Paul und so hat man ihm Kiosk immer ein Punkt über den man hitzig streiten kann.

Jedenfalls unterhalten sich Herr Hoffmann und Paket Paul und auf einmal schreit Paket Paul auf. „Du hast ja richtige Büsche in den Ohren. Wie sieht das denn aus?“ Automatisch fasst sich Herr Hoffmann an die Ohren. „Jeder hat ein paar Härchen in den Ohren“, sagt er, streichelt es glatt. „Das sind keine Haare. Das ist eher Mähne wie beim Pferd. So Borsten.“ Paket Paul fängt an zu lachen. Leider geht genau in diesem Moment das Türglöckchen und zwei Studentinnen, Mitte Zwanzig, Modebloggerinnen, Bikini Models und dabei auch noch mit einem sehr gesundem Gender -Bewusstsein ausgestattet, also perfekte Partnerinnen für einen romantischen Abend mit gepflegter Konversation, betreten den Laden. Sie sehen Paket Paul lachen und sind schon nach wenigen Augenblicken von seinem Lachen angesteckt. Unter breiten Grinsen fragen sie, was denn so lustig ist. Paket Paul zeigt auf Herrn Hoffmann. „Die Borsten in seinen Ohren. Härchen nennt Herr Hoffmann das. Härchen.“ Paket Paul muss sich an der Auslage festhalten. Die beiden Studentinnen gucken zu Herrn Hoffmann, grinsen, kommen näher. Herr Hoffmann weicht zurück, prallt gegen das Zigarettenregal. Zigaretten und Nüsschen kullern auf den Boden. Doch dann gewinnt er die Initiative zurück und unter seinem lauten Geschrei und dem Gegacker seiner Kunden wirft er Paket Paul und die beiden blöden Weiber aus seinem Laden.

Ganz gegen seine Regeln schließt er kurze Zeit später für ein Stündchen seinen Laden ab. Er muss sich ein wenig frisch machen. Nüsschen wegfegen und vielleicht ein paar Härchen schneiden. In den Ohren.

Hoffmanns Büdchen (27) – Poetry Slam?!

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet. Herr Hoffmann schaut hoch. Es ist Lukas. „Hey, Herr Hoffmann.“ „Hallo Lukas.” Herr Hoffmann greift nach den Zigaretten und Lukas nimmt sich noch ein Bier aus dem großen Kühlschrank an der Tür. „Herr Hoffmann, ich trink das bei dir.“, sagt der nicht mehr ganz so junge Student. „Du, ich muss dringend mit dir reden.“ “Ach so”, sagt der nicht mehr ganz so junge Herrn Hoffmann. Wer Herrn Hoffmann ein wenig kennt, sieht vielleicht seine Neugierde. Ein normaler Kunde allerdings sieht nichts.

Zuerst lässt Lukas dann auch noch Herrn Hoffmann zappeln, trinkt ein paar Schlückchen Bier, fragt, ob Herr Hoffmann Nüsschen habe. „Bier mit Nüsschen sind das Beste“, erklärt Lukas, muss sich aber noch einmal verbessern. „Bier und Mettbrötchen ist auch geil.“ Dann kommt Lukas aber endlich zur Sache: „Poetry Slam.“ Lukas guckt stolz. Herr Hoffmann guckt fragend. „Poetry Slam?“ Sehr fragend. Gerade will Lukas ansetzen und Herr Hoffmann Poetry Slam erklären, da zeigt er ihm mit einer Handbewegung, das er die Klappe halten soll. Herr Hoffmann erklärt Lukas , dass das eine total bescheuerte Idee ist und Lukas bitte aufhören soll, mit seinen bescheuerten Ideen Herrn Hoffmanns Weltfrieden zu stören. Bestimmt und ernst schaut Herr Hoffmann zu Lukas rüber. Gestern Singer Songwriter, vorgestern Karaoke, einmal schlug er sogar vor, eine 80ziger Party auf seinen paar Quadratmeter zu veranstalten.

Lukas stellt sein Bier auf die Theke, dreht sich wortlos um. Das Türglöckchen läutet noch, dann ist Herr Hoffmann allein. Er verdreht die Augen. Poetry Slam?! Sein Büdchen voller biertrinkender Stundentinnen, die sich Geschichten um die Ohren hauen. Vielleicht noch ein DJ, der elektronische Musik auflegt. “Eher fang ich wieder mit dem Rauchen an”, flüstert Herr Hoffmann, guckt auf seine Zigaretten.

“Naja, vielleicht?” “Was?” “Ach nichts”, sagt Herr Hoffmann zu dem anderen Herrn Hoffmann in seinem Kopf. Er arbeitet weiter, also steht hinter seiner Theke.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – „Jetzt gleich, gleich gleich oder nie gleich?“

„Papa, darf ich ein Eis?“, fragt das Kind. „Gleich“, sage ich und versuche weiter Haare aus der Badewanne zu fischen. „Was heißt gleich“?, fragt das Kind. „Heißt gleich jetzt gleich, gleich gleich oder nie gleich?“ Ich lege den Scheuerschwamm zur Seite, gucke das Kind belustigt an. „Äh?“, sage ich, da Schlagfertigkeit, gerade wenn ich Haare aus Badewannen fische, auch nicht mein zweiter Vorname ist.

„Du bist doof“, schimpft das Kind und schmeißt sogar, um ihr Wut zu unterstreichen, seinen Lieblingsteddy an die Wand. „Aua!“, sage ich für den Teddy, der traurig vor dem Klo liegt. Das Kind guckt genervt. „Papa, das ist nur Stoff. Dem tut das nicht weh“, sagt es, schüttelt den Kopf und geht lautstark ihn sein Kinderzimmer. „Du könntest mal aufräumen“, schlage ich vor. „Gleich“, sagt das Kind. „Stich“, denke ich.

Hoffmanns Büdchen (26) – Eine andere Welt

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Das Glöckchen läutet. Auf der Becks-Werbeuhr ist es 8:30 Uhr, aber die Batterien sind stehengeblieben und Herr Hoffmann hatte noch keine Zeit Neue zu kaufen. Vielleicht will er sich sogar gleich eine neue Uhr kaufen. Wer weiß schon, was Herr Hoffmann wirklich will?

Jedenfalls läutet das Türglöckchen. Es ist Paket Paul. Paket Paul arbeitet bei GLS als Paketbote und kommt täglich bei Herrn Hoffmann vorbei, um Pakete abzuholen. Aber immer zu anderen Zeiten, so dass Herr Hoffmann immer noch nicht weiß, wie spät es ist. „Hallo Herr Hoffmann.“ „Tag Paul. Sag mal, wie spät ist es? Die Uhr ist kaputt.“ Herr Hoffmann zeigt hinter sich zur Becks-Werbeuhr. Paul guckt zu der alten Uhr. Sein Blick verrät, dass er nicht besonders Mitleid mit dem weißen Plastikteil hat. „Zwölf Uhr. Hast du keine andere?“ Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. „Aber Smartphone?“ „Nein.“ „Computer?“ „Hinten ist eine alte Kiste, aber nur Buchhaltung drauf.“ Jetzt schüttelt Paul den Kopf. „Echt? Herr Hoffmann, du bist ne Pflaume.“

Herr Hoffmann merkt wie er rot wird. Er dreht sich zu den Zigaretten um, sortiert ein paar Schachteln. Doch Paul ist schon wieder bei seinen Paketen. Dreimal läuft er zwischen Kiosk und Bulli hin und her, dann winkt er noch einmal kurz und ist weg. Herr Hoffmann guckt ihm nach. Hinter seiner Theke hat er irgendwann den Anschluß verpasst. Er hat davon in den Zeitungen gelesen, aber das war die Welt vor seiner Theke. Nicht seine echte Welt, denkt Herr Hoffmann. Aber das ist Quatsch, natürlich ist das auch seine Welt.

Hoffmanns Büdchen (25) – Die Süßigkeiten Laube oder Schüler abzocken

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Wenn du das Heft lesen möchtest, musst du es kaufen.“ Der Schüler legt das Heft zurück ins Regal. „Danke, wollte nur mal schauen. Sie können ihr Heft behalten.“ „Gestern wolltest du auch nur schauen“, sagt Herr Hoffmann ärgerlich zum dem Jungen. Währenddessen stehen zwei andere Schüler vor seinem Süßigkeitenregal. Herr Hoffmann hat sich erst letztes Jahr das Regal bauen lassen. Jetzt können seine Kunden sich eine kleine Papiertüte mit seinem Logo seitlich am Regal abreißen und sich mit einer Metallzange das Weingummi aus den Fächern baggern. Mit der Schule gegenüber hatte sich “Hoffmanns Süßigkeiten-Laube”, so der Arbeitstitel, schon nach ein paar Monaten gerechnet.

„Allerdings sind die kleinen Hosenscheißer“ – so nennt er die Schüler an guten Tagen – „auch nicht immer einfach“, sagt Herr Hoffmann, wenn ihn jemand fragt und irgendeiner fragt ja immer.

„Hey, wenn ihr das Weingummi anfasst, müsst ihr es kaufen“, schreit er zu den zwei Jungs rüber. Tatsächlich bringt der Eine, die „Saure Gurke“, die er angepatscht hat, zur Theke. Er legt achtzig Cent vor Herrn Hoffmann hin. „Und zwei Zigaretten, bitte.“ Herr Hoffmann grinst. Der Junge schaut sich die Auslagen an, nimmt sich kurz die Nüsschen, guckt vorsichtig nach oben. Herr Hoffmann grinst. „Wie alt bist du denn?“, fragt Herr Hoffmann, als der Junge sich traut, seine Augen bis zum Kioskbesitzer anzuheben. „Ich?“ Herr Hoffmann lacht. „Ja, du. Oder hat gerade ein anderer, vielleicht elf jähriger Junge gefragt, ob ich ihm Zigaretten verkaufe? Ich glaube nicht, dass das ein anderer Junge war.“ Herr Hoffmann nimmt sich die zwanzig Cent für die Saure Gurke von der Theke. Als der Junge sich noch einmal traut, hochzublicken, guckt Herr Hoffmann streng, ja sogar sehr streng. Er zeigt mit einer Augenbewegung Richtung Tür. Der Junge versteht. Er winkt ohne ein Wort seinen Kumpels zu und die drei Schüler verlassen den Kiosk.

Vor Herrn Hoffmann liegt noch das restliche Geld des Jungen. Herr Hoffmann legt es neben die Kasse. Er weiß, dass der Junge zu feige ist, sich die paar Cent wiederzuholen. Er war damals als Schüler auch zu feige. An seiner Schule gab es wie hier einen Kiosk und Herr Hoffmann stand dort genauso peinlich wie gerade der Junge vor der Theke. Seine Mutter sagte damals immer „Alles wiederholt sich“. Das ist wohl Schwachsinn, weiß Herr Hoffmann. Aber manches ändert sich erst gar nicht, denkt er, doch da läutet wieder das Glöckchen und eine Horde Schulmädchen stürmt den Kiosk und er muss sich anderem widmen.

Hoffmanns Büdchen (24)- Guck mal, ein Lifestyle-Linker

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen beginnt langsam der Frühling. Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen. „Das gibt Hoffnung“, flüstert Herr Hoffmann und blättert in den Nachrichtenmagazinen und Zeitungen die ihm jeden Tag geliefert werden. Heute schreiben sie gerade viel über die Lifestyle-Linke. „Lifestyle-Linke?“, überlegt Herr Hoffmann. „Kenn ich nicht.“ „Weiterlesen, Herr Hoffmann“, flüstert das Zeitungspapier. Früher hat man sie Hipster genannt oder Grüne. Heute eben Lifestyle-Linke. „Hier“, sagt das Feuilleton: „Es geht um Sahra Wagenknechts neues Buch: Die Selbstgerechten.“ Die Zeitungen schreiben, die streitbare Politikerin schimpft über die sogenannte Linke. Sie interessieren sich mehr für Identitätspolitik als für soziale Gerechtigkeit, schreibt sie wohl in ihrem Buch. Das zerstört jedes Gemeinwesen, diese Minderheiten-Förderung. Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf. Er muss da mal drüber nachdenken, denkt er. Doch bevor er zum richtigen Denken kommt, läutet das Türglöckchen und er muss sich erst mal um anders kümmern.

Hoffmanns Büdchen (23) – Wunder Weltall oder “Ich sehe den Sternenhimmel, sieht scheiße aus”

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In der BILD schreiben sie, dass die NASA auf dem Mars gelandet ist. Herr Hoffmann findet Raumfahrt bescheuert. Da hat man so einen schönen Planeten und dann versucht man, eine Steinwüste im All zu erreichen, wo einfach gar nichts ist. Herr Hoffmann findet diese Aktion nicht nur bescheuert, er findet Raumfahrt insgesamt sogar super-bescheuert. Nicht nur Mars, auch Mond, überhaupt Weltall. Das Türglöckchen läutet. Es ist Paket Paul. Lukas, Herr Hoffmanns Stammkunde, hat Paul den Spitznamen gegeben und Herr Hoffmann fand es lustig und hat es übernommen. Paket Paul findet es nicht lustig. Aber so ist das nun mal.

Paket Paul ist heute Morgen ganz aufgeregt. „Hast du gehört? Die sind auf dem Mars gelandet. Auf den Mars. Wahnsinn!“ Paul wackelt unkontrolliert mit seinen Armen. Herr Hoffmann verdreht die Augen. „Schade ums Geld“, mault Herr Hoffmann. Jetzt ist es an Paket Paul, die Augen zu verdrehen. „Hast du als Kind nie zum Sternenhimmel geschaut, Herr Hoffmann? Geträumt zu fernen Planeten zu reisen?“, fragt er verwundert. „Nein“, sagt Herr Hoffman bestimmt.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Paket Paul. Wie geht’s?“, sagt er. Herr Hoffmann antwortet für Paul (er scheint ja heute sowieso sehr redeferudig zu sein, der liebe Herr Hoffmann). „Er ist ganz aufgeregt. Wegen der Mars Sache.“ Lukas verdreht die Augen, worauf Paul die Augen verdreht, weil Lukas die Augen verdreht.

„Wenn es nach euch gehen würde, liefen wir mit nem Speer in der Hand durch den Wald und würden Mammuts jagen“, mault er. „Wenn es nach uns gehen würde, gäbe es auf jeden Fall noch Mammuts“, kontert Lukas. Eine Weile streiten sich Paket Paul und Lukas über Mammuts, Steinzeit und den Fortschritt. Dann sagt Herr Hoffmann, dass er jetzt genug hat und sie bitte gehen sollen. Lukas guckt zu Paul und grinst. „Herr Hoffmann hat noch nicht mal ein Handy.“ Auch Paket Paul grinst. Sie nehmen sich ihre Pakete und Zigaretten und kriegen das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Herr Hoffmann starrt böse zu ihnen rüber.

Als sie endlich weg sind, nimmt er sich die Beilage eines Discounters, die heute in der Tageszeitung war. Diese Woche bietet Aldi ein Smartphone als Schnäppchen an. Er wird sich der Geschichte wohl nicht weiter verschließen können.