Hoffmanns Büdchen (58) – Hoffmanns Kunst oder Sieben Tage Büdchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

„Nächstes Jahr ist wieder Documenta. Fährst du hin, Herr Hoffmann?“, fragt Lukas, Langzeitstudent und Kiosk – Stammkunde.

„Nein“, sagt Herr Hoffmann kurz und knapp.

„Das ist die größte Kunstschau der Welt. Also…“

„Ich weiß, was die Documenta ist. Aber ich muss arbeiten.“

„Du kannst doch mal für einen Tag zumachen,“ meint Lukas.

„Nein, kann ich nicht. Sieben Tage, sonst rechnet sich das Büdchen nicht“, sagt Herr Hoffmann.

„Das ist ja eine ziemlich blöde Arbeit“, sagt Lukas, verzieht das Gesicht.

Auch Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, will antworten, aber da läutet das Türglöckchen.

Es ist Herr Ärmel.

„Hallo zusammen.“

„Hallo Herr Ärmel“, sagt Lukas.

„Hallo“, grüßt auch Herr Hoffmann.

„Was gucken Sie denn alle so komisch?“, will Herr Ärmel wissen.

„Herr Hoffmann kann nicht zur Documenta, weil er arbeiten muss. Sieben Tage die Woche. Nie Urlaub. Jeder Lohnsklave führt ein besseres Leben“, jammert Lukas ironisch. Herr Hoffmann guckt böse zu ihm rüber.

„Wenn der Laden so wenig abwirft, macht ein Tag den Braten aber auch nicht fett“, sagt Herr Ärmel.

„Genau“, bestätigt Lukas. „Mein Reden, sehr richtig, Herr Ärmel.“

Herr Hoffmann will gerade antworten, da geht erneut das Türglöckchen. Und es ist wieder ein Stammkunde. Was ist denn heute los? Es ist Michael. Schnorrer Michael.

„Hallo zusammen“, sagt Michael und winkt leicht schüchtern. Michael ist nicht besonders selbstbewusst.

„Hallo Michael.“

„Michael.“

„Hallo.“ Die Anderen grüßen freundlich, aber ohne Winken.

„Was guckt ihr denn so?“, fragt Michael. Auch er hat gleich bemerkt, dass in dem Büdchen etwas in der Luft liegt.

„Herr Hoffmann kann nächstes Jahr nicht zur Documenta. Er geht bankrott, wenn er sich mal frei macht“, erklärt Herr Ärmel dem Schnorrer.

„Soll ich dir das Geld leihen, Herr Hoffmann?“, fragt Michael, aufrichtig betroffen.

„Jetzt reicht es aber“, sagt Herr Hoffmann aufgebracht. „Du bezahl erst einmal deinen Deckel“, sagt er zu dem ewigen Schnorrer.

„Einverstanden“, sagt Michael für alle überraschend. „Ich bezahl den Deckel und du, Herr Hoffmann, nimmst einen Tag Urlaub und fährst Kunst gucken.“

„Wisst ihr was?“ Jetzt mischt sich wieder Herr Ärmel ein. „Ich bezahle Michaels Deckel und Herr Hoffmann sagt hier und heute fest zu. Wir fahren alle zusammen nach Kassel.“ In seiner Euphorie bemerkt Herr Ärmel gar nicht, dass er sich gerade selber eingeladen hat. Doch Lukas, und ja auch Schnorrer Michael feiern den Entschluss.

„Ich…“ Herr Hoffmann will noch was sagen.

„Jetzt wird der Mund gehalten, Herr Hoffmann“, lacht Michael.

Herr Hoffmann fühlt sich überrumpelt. Echt, jetzt wirklich, er weiß nicht, ob das jetzt gut war.

Vor der Theke stehen Michael, Herr Ärmel und Lukas und freuen sich auf den gemeinsamen Ausflug. Für sie war, ja, ist es gut.

Hoffmanns Büdchen (57) – Ein großer Haufen für eine alte Dame

Meine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.“ (Thomas Hobbes)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen bringt die alte Dame von gegenüber ihren Müll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren Müll heraus: Restmüll in einer kleinen Plastiktüte, Biomüll in Zeitungspapier eingewickelt.

Es regnet in Strömen und Herr Hoffmann beobachtet die alte Dame, wie sie zögerlich an der Haustür steht. Es sind nur ein paar Meter bis zu ihren Mülltonnen, aber bei dem Wetter wird sie die nicht trocken zurücklegen können, denkt Herr Hoffmann. Die alte Dame ist nicht mehr die Schnellste, aber auch wenn sie rennen könnte, würde sie die Strecke nicht trocken zurücklegen können.

Eine ganze Weile steht sie in der Tür und Herr Hoffmann sieht von seinem Büdchen, dass sie überlegt. Ob sie hofft, dass es aufhört zu regnen? Herr Hoffmann schaut auf die Tageszeitung vor ihm. Laut dem Wetterbericht wird sie lange warten müssen. Heute soll es durchregnen.

Das Kiosk -Türglöckchen läutet. Es ist Herr Ärmel, der für einen Kurzbesuch hereinschaut. Herr Ärmel ist langjähriger Kunde in Hoffmanns Büdchen. Anfangs kam er immer nur zum Lotto Spielen, ein kurzer Plausch über mögliche Lottogewinne schloss sich an. Später wurde er so etwas wie ein Freund oder sagen wir Stammkunde. Herr Ärmel ist wie Herr Hoffmann vorsichtig mit Begriffen wie Freundschaft. Also sagen wir Stammkunde. Ja, das ist besser: Stammkunde.

„Guten Morgen, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel auf seine höfliche Herr Ärmel Art.

„Guten Morgen“, antwortet der Kiosk Betreiber, immer noch mit einem halben Auge bei der alten Dame. „So früh schon unterwegs?“ Herr Hoffmann wendet sich zu Herrn Ärmel, lächelt ihn freundlich an. Tatsächlich kommt Herr Ärmel meist erst später des Tages vorbei. Herr Ärmel ist mittlerweile in dem, wie er manchmal ironisch sagt, verdienten Ruhestand; da steht man nicht mehr so früh auf. „Arzttermin. Aber bei dem Wetter hätte ich besser mal absagen sollen. Ich bin nass bis auf die Unterhose“, klagt der Ruheständler und schüttelt seine Jacke im Laden aus.

„Und Sie, lieber Herr Hoffmann, genießen die Ruhe?“, fragt Herr Ärmel, der Herrn Hoffmann immer noch siezt, da das „Sie“ für ihn etwas mit Respekt zu tun hat.

Tatsächlich kann Herr Hoffmann heute den Tag etwas ruhiger angehen. Gegenüber in der Schule sind Projekttage und gestern haben ihm ein paar Schüler erzählt, dass heute die ganze Schule einen gemeinsamen Wald -Ausflug plant. Die Schulleitung hat beschlossen, dass man den Projekttag für den Umweltschutz nutzt. Die Schülerinnen dürfen alle in einem nahegelegen Wald Müll sammeln und sortieren. Am Abend werden die Schülerinnen, die am Meisten gesammelt haben, mit einer Urkunde und einem kleinen Preis, einen fünf Euro Gutschein des Naturkost-Ladens Urinella, geehrt.

„Ich beobachte die alte Dame“, sagt Herr Hoffmann und zeigt auf die alte Dame von Gegenüber. Sie steht immer noch in der Haustür und überlegt, ob sie es durch den Regen schafft. „Hören Sie mir bloß mit der Alten auf.“ Herr Ärmel hat jetzt auch die Frau gesehen. „Die tyrannisiert die ganze Nachbarschaft, schreibt Zettelchen, wenn man seinen Müll nicht richtig sortiert hat oder ruft gleich das Ordnungsamt, wenn mal jemand falsch in der Straße parkt. Die nette alte Dame, lieber Herr Hoffmann, ist ein wahrer Drachen. Letztens hat sie mir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen, als mein Fahrrad zu weit auf dem Bürgersteig stand. Die Alte hat nicht mehr alle Latten im Zaun.“

Herr Hoffmann grinst. „Na, na. Das st doch nur eine alte Dame“, sagt er beschwichtigend.

„Ja, und weil sie so nett ist, habe ich ihr letztens auch vor die Tür gekackt“, sagt Herr Ärmel und schaut gar nicht mehr freundlich zu der Frau rüber.

„Was?“ Herr Hoffmann glaubt sich verhört zu haben.

„Vor die Tür. Ein großer Haufen, lieber Herr Hoffmann. Es war… Befreiend.“ „Befreiend?“, fragt Herr Hoffmann ungläubig.

„Ja, befreiend. Sollten Sie auch mal versuchen.“, sagt Herr Ärmel überzeugt.

„Ich schaue mal“, sagt Herr Hoffmann eher skeptisch. „Ich schaue mal.“

Hoffmanns Büdchen (56) – Hoffmanns Schuld

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungemütlich. „Gut, wer jetzt ein warmes Büdchen hat“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er lächelt. Er hat ein warmes Büdchen.

Da geht sein Türglöckchen. Eine junge schwarze Frau kommt in seinen Kiosk. „Hallo, kannst Du dir vorstellen, dich für eine coole Menschenrechtsorganisation zu engagieren“, fragt sie, mit der Tür ins Büdchen fallend. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Er muss nicht lange überlegen, er kann es sich nicht vorstellen. Herr Hoffmann steht von zehn bis zehn im Büdchen und hat trotzdem gerade genug für Pacht und Taschengeld. Nein, Herr Hoffmann kann sich nur schwer Engagement vorstellen. Freundlich aber bestimmt macht er der Studentin seine Situation klar.

Als Herr Hoffmann wieder alleine im Büdchen steht, beginnen jedoch die Schuldgefühle. Nicht wegen seinem fehlenden Engagement, das ist in seiner Situation wahrlich schwierig -laut Statistik zählt Herr Hoffmann zu den Ärmsten, aber es braucht eben nicht viel, wenn man den ganzen Tag hinter einer Theke steht. Nein, Schuldgefühle hat er wegen der „jungen schwarzen Frau“. Unbewusst hat er sie gleich wieder in eine Schublade gepackt. Aha, eine schwarze Studentin, die für eine Menschenrechtsorganisation sammelt. Sicher bekommt die mehr Spenden als eine weisse Studentin, das hat er gedacht. Er hat Schuldgefühle, weil er schwarz denkt und nicht einfach nicht denkt. Ja, das ist es wohl. Er schaut raus in den November. Kalt, dunkel, ungemütlich. Kann er nicht einfach gar nicht über die Hautfarbe nachdenken? Und wenn er über die Hautfarbe nachdenkt, macht er nicht alles nur noch schlimmer, weil er daraus erst ein Thema macht? „Man sollte einfach das Maul halten“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Warum hältst du nicht einfach die Fresse?“ Herr Hoffmann holt tief Luft. „Oder noch besser: Warum hörst du nicht einfach auf zu denken? Du bist schuldig“, sagt Herr Hoffmann jetzt lauter. „Schuldig, schuldig, schuldig“, schreit er.

Verlegen schaut er raus. Glücklicherweise hat niemand sein Gebrülle mitbekommen. „Oder?“

In der Soziologie spricht man von strukturellen Rassismus, wenn der Rassismus so tief im Alltag steckt, dass man ihm schon bewusst begegnen muss, um ihm zu entgehen. Und dann machst du es wieder zum Thema und fühlst dich schuldig, weil du wieder drüber nachdenkst. Ich bin schuldig.

Ich bin schuldig, weil ich hellhäutig bin und sogenannte Weisse, also andere Hellhäutige andere Dunkelhäutigere Jahrhunderte unterdrückt und ermordet haben. Und Rothaarige, Dicknaserige und Gelbhäutigere. Ich bin schuldig.. Ich bin schuldig, weil ich ein Mann bin und Männer jahrhundertelang Frauen unterdrückt und als ihr Eigentum behandelt haben. Ich bin schuldig, weil ich Deutscher bin und weil unter diesen Deutschen andere Religionen, Kulturen oder auch nur Kegelschwestern unterdrückt und ermordet wurden. Ich bin Schuldig, schuldig.“, jammert Herr Hoffmann theatralisch. „Und Messdiener war ich auch. Ich bin schuldig. Ohhohoho…“

„Alles gut, Herr Hoffmann?“, hört der Kiosk Verkäufer auf einmal eine besorgte Stimme vor sich.

Herr Hoffmann schreckt hoch. „Ich bin…“ Er hat das Türglöckchen nicht gehört. Er hat Herrn Ärmel (ein Stammkunde der ersten Stunde) nicht gehört. „Ach Mist, ich..also..“, stottert der Büdchen Pächter. Indes hebt Herr Ärmel seine Hand, bedeutet Herrn Hoffmann, dass er nichts sagen muss.

„Am Ende sind wir alle schuldig“, erklärt er feierlich, gibt seinen Lottoschein ab und fragt wie jede Woche, was der Büdchen Betreiber mit seinem Millionen Gewinn machen würde.

„Vielleicht einer Menschenrechtsorganisation spenden?“, überlegt Herr Hoffmann.

„Löblich, löblich“, lächelt Herr Ärmel.

„Schuldig, schuldig“, sagt Herr Hoffmann, schon nicht mehr ganz so ernst.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad (Audio)

Herr Hoffmann hat einen Kiosk, Hoffmanns Büdchen. Jeden Tag steht er in seinem Büdchen von zehn Uhr in der Frühe bis zehn Uhr abends. Glücklicherweise sind dort die Stammgäste und andere Kunden. Sie versorgen ihn mit Geschichten und füllen seine paar Quadratmeter mit Leben.

Episode 55:
Was eine Überraschung! Ein alter Schulfreund kauft durch Zufall bei Herrn Hoffmann ein. Doch schnell wird klar, der alte Schulkamerad ist ein Dummbatz geworden.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.

„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.

„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.

„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.

Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.

„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.

„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.

Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.

„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.

Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“

„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.

„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.

„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.

„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“

„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.

Hoffmanns Büdchen (54) – Hoffmanns Elend, Mindestlohn Bürger oder die Dritte Klasse

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke, frühstückt. Es ist kurz nach zehn Uhr und Herr Hoffmann hat gerade seinen Kiosk aufgeschlossen und den Zeitungsaufsteller rausgestellt (BILD schreibt:“Automobilclub wettert gegen Grünzilla“, „Meine wilde Party Nacht mit Prinz Harry“).

Vor dem Öffnen war er noch beim Billig-Bäcker, der erst letztes Jahr die Straße runter eine Filiale aufgemacht hat. Er hat sich einen großen Milchkaffee und eine Laugen-Ecke, wie so oft morgens, gekauft, und sich, wie so oft morgens, über die gute Laune der Verkäuferin gefreut.

Die Frau hinter der Kasse ist ein Sonnenschein. Sicher nicht nur für Herrn Hoffmann, denkt Herr Hoffmann. Sie grüßt immer freundlich, lächelt und Herr Hoffmann nimmt ihr das Lächeln sogar ab. „Und das ist nicht selbstverständlich“, weiß Herr Hoffmann. „Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich“, sagt er zu sich selber.

Herr Hoffmann weiß nicht, ob die Frau glücklich mit ihrem Job ist. Wie auch? Er weiß auch nicht, ob sie mit dem Geld auskommt. Er weiß nicht, wieviele Mäuler sie mit ihrem Gehalt stopfen muss, und ob sie sich abends die Haare rauft, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht. Er weiß ja noch nicht mal, wie sie heißt. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sie immer freundlich zu ihm und auch zu den anderen Gästen ist. Und so fühlt man sich auch bei ihr in der Bäckerei – und das ist alles andere als Selbstverständlich – als willkommener Gast.

Dabei hat, laut der ganzen Zeitungen, so eine Bäckereiaushilfe wahrhaftig keinen Grund freundlich zu sein oder zu lachen. Paket Botinnen, Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen, Lieferantinnen, sie alle haben wenige Gründe zu lachen. Worüber auch: Die Einkommensschere im Land geht immer weiter auseinander und sie, die Bullshit – Jobber (Der Begriff sagt alles“, flüstert Herrn Hoffmann) zählen als ihre Verlierer. „Moderne Sklaven, Opfer“ schreiben die Zeitungen, liest man in den Sozialen Medien.

Und wenn einer dieser Opfer sagt, dass er glücklich ist, wird er auch noch angepöbelt. Mit Mindestlohn darf man nicht glücklich sein, schimpft es überall. Jedenfalls darf man es nicht sagen oder zeigen. Wer mit so einem Gehalt glücklich ist, verhindert, dass Milliarden von Menschen irgendwann einmal mehr Geld, mehr Respekt für ihre Arbeit kriegen.

„Lächeln verboten“, flüstert Herr Hoffmann und lächelt verboten. Alles moderne Arbeitssklaven laut Definition. Seine freundliche Verkäuferin müsste ihn eigentlich auch anschnauzen. Ja, ihm die Laugen-Ecke ins Gesicht spucken. „Alles Schweine“, müsste sie schreien.

Alles richtig, denkt Herr Hoffmann. Natürlich verdient sie zu wenig, die Verkäuferin, aber auch sein Stammkunde, der Paket Bote Paket Paul oder der LKW Fahrer der ihm die Waren einmal die Woche bringt. „Vielleicht“, so grübelt es im Büdchen Hirn, „vielleicht verdienen die Anderen aber auch einfach zu viel.“

Auch wenn es keiner hören will: Nicht alle mehr, sondern alle weniger ist für Herrn Hoffmann die Lösung.

„Aber manches darf man vielleicht wirklich nicht sagen, ohne es schlimmer zu machen“, grübelt Herr Hoffmann laut und traurig.

Da läutet sein Türglöckchen, Herr Hoffmann lächelt. Guten Tag, grüßt er freundlich hinter seiner Theke.

Sitzt Gott im Gehirn, oder wie ist es wirklich, einen großen Haufen auf den Klimawandel zu machen?“

In meiner Wochenzeitung gibt es eine Kolumne „Wie es wirklich ist.“ Hier dürfen Leser*innen zu Wort kommen und über ihre tragischen, komischen und absurden Erlebnisse mit unserer Republik und ihren Strukturen berichten.

So heißt es aktuell: Wie es wirklich ist, in den Herbstferien vom BER zu fliegen.

Ein, laut Eigenaussage, angesehenerArchitekt berichtet: Er hatte Wartezeit beim Check In. Ja, viele Menschen hatten Wartezeit beim Check In. Anderthalb Stunden (in Zahlen 90 Minuten) musste man warten.

Und das, wo man in den Urlaub fliegen wollte, den man sich so verdient hat (er ist ein vielbeschäftigter, angesehener Architekt, der Herr Baumeister). Die schönste Zeit des Jahres und dann 90 Minuten Verspätung! Geht doch nicht, sagt er.

Eine ältere Dame ist dann auch noch wegen des medizinischen Mund-Nase Schutzes und der unverhältnismäßigen langen Wartezeit umkippt. 90 Minuten warten. Das erträgt doch keiner, sagt er.

Glücklicherweise half die Frau des Architekten als Ersthelferin – und das vor dem Urlaub, dem Verdienten. Mit einem Stück Schokolade konnte sie der armen, alten Frau, die nur den Wunsch hatte, ein letztes Mal in den Urlaub fliegen zu können, helfen. Aber was, wenn sie das nächste Mal nicht vor Ort ist? Wird die alte Dame überhaupt noch einmal fliegen können? Sicher nicht vom BER, sagt der Herr Architekt.

Nein, es war furchtbar, in den Urlaub zu fliegen, berichtet er. Mit 90 Minuten Verspätung hob man ab. Da wäre man mit dem SVU schon fast in Frankreich gewesen.

Aber am Ziel wartete der Mietwagen. Gott sei dank. Noch kann man sich einen Verbrenner ausleihen. Noch kann man überhaupt mit den Kindern in den Urlaub fliegen. Noch darf man Kurzstrecke fliegen.

Aber wie lange noch? Der Architekt weiß es nicht. Aber er weiß: Alle unfähig.

Und ich, der Leser, weiß jetzt, wie es wirklich ist, mitten im Klimawandel zu stecken, und drauf zu scheißen.

Also flieg weiter, kleiner Architekt.

Flieg weiter und singe das Lied, das “Mir ist die Welt scheiß egal – Lied”.

Tina – ist das nicht prima
Was für ein Klima;
Haben wir hier schlechtes Klima
Fahren wir sofort nach Lima.

Hoffmanns Büdchen (53) – Und was hörst du so?

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sucht im Internet nach Musik von ZZ Top. Gestern hat er eine Doku über die Band aus Texas gesehen. Viele Songs hatte er gar nicht mit ZZ Top in Verbindung gebracht. Bärte hatte er mit ihnen in Verbindung gebracht, sonst nicht viel.

Heute sucht er umsonst die Genialität, die er gestern Nacht gesehen und gehört hatte. Nach ein paar für ihn langweilige Musikvideos klappt er sein Laptop zu und kommt wieder ins Grübeln. Noch nie war er besonders Musik begeistert. Seine Plattensammlung konnte er an zwei Händen abzählen, bei einem Umzug hatte er sie dann sogar vergessen. Auf die Frage, was er denn für Musik höre, ist seine Standard-Antwort „Ach, alles mögliche“. Interessanter macht die Antwort nicht.

„Aber wer will schon interessant sein, wenn er Büdchen Betreiber werden kann“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber und lacht komisch. Komisch komisch. Verkehrt.

Manchmal könnte ich einfach drauf losheulen, denkt Herr Hoffmann, da geht das Türglöckchen und verhindert das Denken und ein Tränenmeer. Es ist Paket Paul.