Hoffmanns Büdchen (35) – Ein Streit unter Kollegen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er guckt auf sein Handy. Schon eine ganze Weile schaut er auf sein Handy und auf die Nachricht, die er erhalten hat.

Das Türglöckchen läutet. Ein gut gelaunter Lukas, Stammkunde in Hoffmanns Büdchen, stürmt herein. „Tag, Herr Hoffmann“, ruft Lukas zur Theke rüber. Doch jetzt bemerkt auch der Student, dass Herr Hoffmann traurig ist. „Herr Hoffmann, bist du traurig?“, fragt Lukas. Herr Hoffmann guckt hoch. „Ne, ne“, sagt er leise und greift hinter sich ins Regal zu Lukas Stammzigarettenmarke. „Sag schon, was ist los?“, drängelt Lukas weiter. Er ist jeden Tag im Büdchen. Herr Hoffmann ist Familie.

Der Kiosk Verkäufer winkt mit seinem Handy. „Habe gerade eine unangenehme Nachricht bekommen“, sagt er zerknirscht. Er erzählt Lukas, dass er letztens einem anderen Kiosk Besitzer schriebt, ob man mal zusammen über die Krise nachdenken möchte, zusammenhalten in solchen Zeiten. Die Antwort des Kollegen eine einzige Beleidigung. Er sitzt doch auf seinem Geld, betrügt seine Stammgäste, zieht sogar die Kollegen ab, wirft er Herrn Hoffmann vor.

„Oh, der mag dich aber nicht,“ stellt Lukas nach der Geschichte fest. Herr Hoffmann nickt. „Wenn du antwortest, macht er weiter. Wenn nicht, macht er nicht weiter, hält dich aber für ne Wurst.“ Lukas holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich auf den einzigen Hocker, den Herr Hoffmann vor der Theke für seine Kunden bereitstellt. „Und? Was würdest du machen?“, fragt Herr Hoffmann. „Nicht antworten“, rät Lukas. „Wieso schreibst du so einen Typen überhaupt?“, fragt er und nimmt er kräftigen Schluck aus seiner Flasche. Herr Hoffmann überlegt. Er dachte wirklich, dass es eine gute Idee sei. Gerade jetzt, wo durch die Corona Pandemie das Leben und die Geschäfte brach liegen, muss man doch zusammenhalten, dachte er. Der ehemalige Streit? Für ihn Geschichte. Ein blöder Witz. Doch für den Anderen? Schlimmer geht immer. „Seine Wut scheint sogar gewachsen“, sagt er bedrückt zu Lukas.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Paket Paul. „Na, die ganze Bande da“, grüßt er. Paket Paul ist auch Familie. „Was guckt ihr denn, wie sieben Tage Regenwetter?“ Lukas weiht Paket Paul ein, erzählt ihm von der Nachricht, den Beleidigungen. Paket Paul überlegt. „Nicht antworten“, rät er. „Wieso?“, fragt Herr Hoffmann. „Weil für solche Menschen Nichtbeachtung das Schlimmste ist“, erklärt Paket Paul. „Mein Reden“, sagt Lukas und stellt sein leeres Bier auf die Theke. „“Tschüß, Herr Hoffmann. Mach gut, Paket Paul“, sagt er und macht sich auf.

Kurze Zeit später hat auch Paket Paul seine Pakete abgeholt und Herr Hoffmann steht alleine hinter seiner Theke. Herr Hoffmann guckt hinter sich auf seine Becks Gold Wanduhr. Es ist 14 Uhr. Herr Hoffmann beginnt, zu antworten. Er will kein Wurst sein, denkt er. Manche Fehler hätte man vermeiden können, denken später seine Stammkunden.

Hoffmanns Büdchen (36) – Hoffmanns Spinnen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Auf seinen Kassenschälchen krabbelt eine Spinne. Herr Hoffmann greift nach der BILD. Er braucht nur einen Schlag.

Herr Hoffmann wischt mit einem Feuchttuch das tote Insekt weg. Die Feuchttücher liegen direkt neben der BILD. Herr Hoffmann mag keine Natur in seinem Laden: Keine Spinnen, keine Käfer und auch keine Yucca Palmen, Kakteen oder kleine Orchideen, sogar Haustiere versucht er aus seinem Büdchen fern zuhalten. An der Tür hat er ein Aufkleber mit einem durchgestrichenen Hund. Versteht trotzdem nicht jeder.

Als Kind war Herr Hoffmann da noch anderes, erinnert sich Herr Hoffmann. Da hieß er aber auch noch nicht Herr Hoffmann. Als Kind war er jeden Tag im Wald und nicht selten krabbelten ihm später kleine Käfer, Spinnen, Ameisen aus der Hose. Mutter schrie dann immer und sprang auf einen Stuhl. „Heinz – Gerd, mach das weg“, quietschte das elterliche Vorbild und sein Vater holte eine BILD und klatschte das Problem tot. Heute klatscht Herr Hoffmann tot. Mutter sagt: „Alles wiederholt sich.“ „Ach Mutter“, flüstert Herr Hoffmann und will gerade einen gepflegten Büdchentalk mit sich selber führen, da läutet sein Türglöckchen und ein Stammkunde, der Michael, Schnapstrinker, BILD Leser stolpert herein. Michael fragt, ob Herr Hoffmann noch Schnaps hat. Herr Hoffmann hat. Michael fragt, ob Herr Hoffmann erlaubt, noch einmal anzuschreiben. Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, schreibt Zeitung und Schnaps zu den andern Flaschen und Zeitungen auf Michaels Deckel. Michael grinst doof, dankt und verzieht sich schnell. Ich bin einfach zu gutmütig, denkt der Kiosk Betreiber. Er steht hinter seiner Theke. Neben seiner Kasse sitzt ein Weberknecht. Herr Hoffmann grinst. Er greift nach der BILD. Er braucht nur einen Schlag.

Schämt euch!

Eine rasende Reporterin soll sich im Flutgebiet mit Schlamm beschmiert haben. Glücklicherweise gibt es genug Augen hinter jeder Ecke, die sie nun ans virtuelle Kreuz geschlagen haben.

Jetzt schämt sie sich öffentlich.

Auch dieser Mann auf dem Foto wurde beobachtet. Sein Schmerzen sollen gespielt sein, der Sturz nur blödes Theater, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Traurig ist das alles. Sehr traurig.

Hoffmanns Büdchen (34) – Pimpern, Podcast & Palaver

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hat ein paar Kopfhörer im Ohr und hört über sein neues Handy einen Podcast. Zwei Frauen erzählen Herrn Hoffmann, wie oft sie in der Woche Sex haben.

„Also wir waren sehr aktiv, bevor das Baby da war“, erzählt die Eine. „Wir sind immer noch sehr aktiv. Trotz Baby!“, weiß die andere zu berichten. Die Eine lacht komisch. „Wir sind auch sehr aktiv, nur nicht mehr so aktiv wie früher“, rechtfertigt sie sich vor ihrer Freundin, wieder komisch lachend. „Vielleicht seid ihr zu alt?“, fragt die Freundin gespielt besorgt. „Also wir haben ja täglich Sex“, ergänzt sie ihren Einwurf. Wobei ihr Freund sie ja manchmal eher an einen Zuchtochsen erinnert, führt sie weiter aus. “Ich stehe ja auch meine Frau, aber so eine Standfestigkeit ist mir noch nie unter gekommen.” Sie lacht. “Du meinst drunter gekommen.” Jetzt lachen beide Frauen über ihre Männer und die ganze, tolle Potenz, die dort draußen rumläuft. “Ochsen ochsen”, kreischt eine. Noch mehr Gelächter.

Herr Hoffmann lacht nicht. Er ist beeindruckt. Er ist ganz sicher kein Zuchtochse. Nein, Herr Hoffmann ist nicht sehr aktiv. Herr Hoffmann hat einen Kiosk, denkt Herr Hoffmann. Da hat man keine Zeit für so was.

„Und mit wem auch?“, fragt sich Herr Hoffmann gerade, da geht das Türglöckchen. Es ist Herr Ärmel, der seinen Lottoschein abgeben will und gerne mit Herrn Hoffmann über eine großen Lottogewinn sinniert. Kurz fragt sich Herr Hoffmann, ob Herr Ärmel auch eine Intim-Partnerin hat, bei der er zum Zuchtochsen wird. Doch glücklicherweise verschwinden diese Gedanken wieder. Herr Hoffmann möchte sich Herrn Ärmel nicht als Zuchtochsen vorstellen.

„Guten Tag, Herr Hoffmann“, sagt Herr Ärmel, der nichts von diesen Gedanken ahnt. „Guten Tag, Herr Ärmel“, antwortet Herr Hoffmann und nimmt sich Herrn Ärmels Lottoscheinen an. Sie unterhalten sich kurz über einen möglichen Sechser im Lotto, dann verabschiedet sich der Herr Ärmel und Herr Hoffmann hört weiter seinen Podcast. Die Frauen erzählen, dass sie nächste Woche einen Studiogast haben. Lasso Louis kommt vorbei, der in den Siebzigern mit der neuen Lust auf schlüpfrige Filmchen groß geworden ist.

“Jetzt ist Lasso Louis selber 70zig und, liebe Hörerinnen, er ist immer noch ein Ochse”, erklärt die Eine und die letzte Minute des Podcasts hört Herr Hoffmann nur noch Gelächter.

Herr Hoffmann ist beieindruckt. Sehr beeindruckt.

Hoffmanns Büdchen (33) – Über Krähengeschrei, den ESC und Ralf Siegel

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Eine seltsame Frau betritt den Kiosk. „Junger Mann“, krächzt es durch den Raum. Herr Hoffmann muss an Rabenvögel denken. Rabenvögel, die morgens vor seinem Laden die Mülltonnen nach ein Stückchen Brot oder einer kalten Pommes durchwühlen. Die krächzen genauso gruselig, denkt Herr Hoffmann. Jeden Morgen schaudert ihm bei dem Anblick und jetzt schaudert es ihm auch.

„Junger Mann, kennen Sie Ralf Siegel? Wir brauchen Ralf Siegel zurück.“ Herr Hoffmann guckt doof. „Wieso gucken Sie so doof? Verstehen Sie mich überhaupt? Oder nehmen Sie nur einfach Geräusche wahr? Junger Mann?“ Die seltsame Frau setzt ihren Rucksack ab und zieht eine kleine Bluetooth Box heraus. „Junger Mann, wissen Sie was das ist?“ Herr Hoffmann weiß, was das ist. „Lautsprecher“, sagt er dreisilbig. Die Krähe wackelt bestätigend mit ihrem Köpfchen. „Genau. Lautsprecher.“ Sie drückt auf einen Knopf. Schreckliche Musik erschallt. Keine Krähenmusik. Noch schrecklicher. Hoffmann hält sich die Ohren zu. „Machen Sie das aus. Das ist ja widerlich.“ Herr Hoffmann beschwert sich. Die Krähe lacht nur. „Junger Mann, das ist euer Song beim ESC. “ Herr Hoffmann ist kurz davor, auf die Knie zu fallen. „Bitte“, fleht er. Was auch immer sie will, sie muss nur die Musik ausstellen.

Endlich erhört die Krähe Herr Hoffmann. „Gut“, sagt sie zufrieden. „Ist das nicht schrecklich?“ Herr Hoffmann nickt. „Das ist es wirklich.“ „ESC können die Deutschen nicht“, sagt die Krähe. Sie kauft ein paar Kaugummis, steckt sich eines sofort in den Mund. „Wir brauchen Ralf Siegel zurück“, sagt sie, bezahlt, geht.

Herr Hoffmann steht wieder alleine hinter seiner Theke. Er summt vor sich hin. Er hat sowas wie ein Ohrwurm. „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freiheit…“ macht es in seinem Kopf. Vielleicht hat die Alte doch Recht, denkt er.

Hoffmanns Büdchen (32) – Alter weißer, geiler Mann

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Bald ist wieder Inventur“, denkt er. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Er zählt dann die Ware und jedesmal fehlt was. Seine Kunden beklauen ihn. Herr Hoffmann findet das armselig, einen Büdchen Besitzer beklauen, und die letzten Wochen ist er noch mißtrauischer geworden. Mit Mundschutz ist der Gauner kaum zu erkennen, denkt der Büdchen Besitzer und forscht im Internet nach Sicherheitstechnik für den kleinen Geldbeutel. Seine Stammkunden hatten natürlich auch ihre Ideen: Videoüberwachung, Lichtschranken, Sicherheitspersonal, Security und die Anstecker, die immer in der Neuware klemmen und die erst an der Kasse entfernt werden. Aber Herr Hoffmann war nicht sehr überzeugt.

„Nächste Woche ist Inventur. Dann sehe ich es wieder“, denkt Herr Hoffmann traurig.

Das Türglöckchen läutet und holt ihn aus seinen schweren Gedanken. Drei Schülerinnen sprengen seinen Laden. „Mundschutz, langsam, hintereinander“, schreit Herr Hoffmann, doch die Schülerinnen geben wenig auf die Worte des alten weißen Mannes. „Verkaufen sie auch Sex-Magazine?“, fragt die Lauteste von ihnen, während sie seine Zeitungen durchblättert. „Nein“, ängstlich schaut Herr Hoffmann auf seine Ausgaben. „Bitte liegen lassen“, ruft er ein wenig zu verzweifelt. Die anderen Mädchen lachen, wodurch sich die Anführerin bestärkt fühlt. „Na, unter der Theke haben sie doch sicher noch was liegen, alter weißer, geiler Mann.“ Sie grinst überlegen. Herr Hoffmann ist sprachlos. Da geht das Türglöckchen. Es ist Paket Paul. Paket Paul war noch nie sprachlos. Nach wenigen Augenblicken hat er die Situation durchschaut. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle”, schreit er und baut sich in seinem Paketboten-Uniform vor den fiesen Schulmädchen auf. Dem Trio fällt die Farbe aus dem Gesicht, ein panischer Blickwechsel und sie rennen wie vom Teufel gestochen aus dem Kiosk. Paket Paul klopft stolz über seine Uniform. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle?“ Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf. „Hätte auch nicht gedacht, dass die das glauben.“ „Ja, die waren auch ein bißchen dumm. Danke.“ Herr Hoffmann nickt noch einmal anerkennend Richtung Paket Paul, sie lachen noch einmal über die ganze Dummheit, dann widmet sich jeder wieder seiner Arbeit.

Hoffmanns Büdchen (31) – “Ich bin Arzt. Hat hier jemand einen Arzt gerufen?”

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hört UKW auf einem alten Radio, was er auf dem Speermüll gefunden hat. Sein Stammkunde Lukas wird wieder zetern, dass Herr Hoffmann altbacken ist, aber der Kiosk Betreiber lässt sich sicher nicht von seinen Kunden UKW, LP oder MC verbieten. „Soweit kommt es noch. Mir vorzuschreiben, wie ich Nachrichten oder Musik höre. Lächerlich“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchen Talk nennt er diese Selbstgespräche).

Auf UKW laufen die Nachrichten. Der Ministerpräsident des Landes sagt gerade, dass er eine grüne Seele hat, aber auch ein Herz für den Bergbau. „Sind wir nicht alle ein bisschen schizophren?“, sagt Herr Hoffmann im Büdchen Talk Modus, da läutet das Türglöckchen. Ein Kunde betritt den Laden. Mitte Fünfzig, Leinenhose, Segelschuhe, Polohemd. Ein leichter Kaschmir Pullover liegt über den Schultern, legér vor der Brust zusammengebunden.

Der Kunde möchte eine Packung Kaugummis, Menthol. Er sagt, er habe mal geraucht, aber er ist Arzt. „Als Arzt bin ich auch Vorbild“, sagt der Arzt. „Ah“, sagt Herr Hoffmann und nickt kundenfreundlich.

„Freiwilliger im Impfzentrum“, führt der Arzt weiter aus. „Ah“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, ich helfe gerne. Auch wenn ich auf der Straße ein Unglück sehe. Ich versuche immer zu helfen.“ „Sehr gut.“ Herr Hoffmann nickt freundlich.

„Erst gestern konnte ich bei einem Fahrradunglück helfen.“ „Oho“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, war aber nicht schlimm. Schnell eine stabile Seitenlage und dann die 110.“ “Hui“, sagt Herr Hoffmann.

„Ohne uns Ärzte wäre das alles sehr schlimm geworden.“ „Ja, das wäre sehr schlimm geworden“, wiederholt Herr Hoffmann.

Der Arzt bezahlt seine Kaugummis. Menthol, wie gesagt.

„Wenn die Menschen mehr auf uns Ärzte hören würden, gehe es allen besser,“ erklärt der Arzt dem einfachen Büdchen Kaufmann. „Ja, so ist das“, bestätigt Herr Hoffmann.

Plötzlich hören sie draußen Lärm. Herr Hoffmann und der Arzt schauen raus. Vor dem Kiosk hat sich eine junge Frau, ein Teenie Mädchen, mit ihren Rollschuhen auf den Asphalt ausgestreckt. „Mein Gott“, schreit der Arzt und rennt aus dem Büdchen. „Ich bin Arzt. Wird hier ein Arzt benötigt?“, brüllt er noch im Laden, vergisst in der Eile sogar sein Wechselgeld.

Doch leider ist er zu spät. Zwei andere Ärzte haben sich vor Hoffmanns Arzt auf die frische Patientin gestürzt.

„Hilfe“, hört Herr Hoffmann das Mädchen rufen, die zuerst nicht begreift, dass man ihr doch nur helfen will.

Herr Hoffmann schmunzelt. er schaut auf das vergessene Wechselgeld des Kunden. Zuerst überlegt er, ob er es dem Arzt nachträgt, doch dann schmeißt er es in das kleine Sparschiffchen auf der Theke. “Spenden für Seenotopfer” steht auf dem Schiffchen. “Hier in Münster sollte man nie die Seefahrer vergessen”, sagt Herr Hoffmann und einen kurzen Moment muss er an seinen Vater denken, an den alten Piraten, aber das ist eine andere Geschichte.

Hoffmanns Büdchen (30) – Hoffmanns Gendern oder die Angst vor dem generischen Femininum

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Der Kiosk Betreiber will heute seinen ersten Post in einem Internet Forum abschicken (Herr Hoffmann ist nicht altmodisch, er ist nur langsam). Glücklicherweise kommen kurz bevor er die Nachricht absenden kann, die beiden Stammkunden und – man kann es sagen – Freunde Lukas und Paket Paul in den Laden. Beide bemerken, in welche gefährliche Lage sich der Büdchen Kaufmann bringt, wenn er den „Post“ absetzt, denn Herr Hoffmann hat sich in einem Politik Forum dem Kriegsschauplatz Identitätspolitik gewidmet.

„Warum?“, fragen sie beide und wollen auf jeden Fall vorher den „Post“ lesen, der sich mit dem generischen Femininum beschäftigt und Herrn Hoffmanns Meinung wiedergibt, dass man das ganze „Gendern“ doch einfach umschiffen kann.

„Herr Hoffmann, wenn du das postet, ist der Shit Storm perfekt“, sagt Lukas und Paket Paul stimmt ihm hektisch mit den Armen winkend zu. „Da stichst du in ein Wespennest“, sagt der Paket Bote. „Es geht doch gar nicht ums richtige Gendern; es geht ums Recht haben“, ergänzt er. „Nehmt ihr das nicht zu wichtig. Ich will doch nur mal etwas dazu schreiben, mich an der Diskussion beteiligen.“ Lukas lacht. „Diskussion?“ Herr Hoffmann versteht nur Bahnhof. „Herr Hoffmann, beim generischen Femininum gibt es nur schwarz oder weiß, das sage ich dir als Freund“, erklärt Paket Paul mit einem ernsten Gesicht.

Später steht Herr Hoffmann wieder alleine hinter der Theke. Er musste seinen Freunden versprechen, den „Post“ nicht abzuschicken Sie empfahlen ihm erst einmal etwas weniger Sensibles. „Vielleicht mal was lustiges über die Deutsche Bahn“, riet Lukas.

Herr Hoffmann hat am Ende gar nichts gepostet. Aber er ist nachdenklich geworden. Was soll das denn für eine neue digitale Meinungsfreiheit sein, in der es nur schwarz und weiß gibt und kritische oder auch falsche Meinungen so angegangen werden.

Hoffmanns Büdchen (29) – Über Selbstgespräche, Doromanie und die Frage, warum Herr Hoffmann ein 600 Seiten Lexikon unter der Theke hat

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Lukas hat ihm ein Spiel auf sein neues Handy installiert. Tetris. Herr Hoffmann ist vielleicht altmodisch, aber nicht doof: Nach zwei Spielen Tetris hat er das Spiel wieder von seinem Handy runtergeschmissen. „Dann lese ich lieber meine Zeitungen“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber, Büdchen-Talk nennt er diese Selbstgespräche.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Der hängt auch nur noch hier rum“, nörgelt Herr Hoffmann, aber ist eigentlich ganz froh, Gesellschaft zu haben.

Lukas erzählt Herrn Hoffmann von einem Bäcker, der am Anfang der Corona Krise, sein Leid vor der Kamera zum Besten gab. Das Video ging viral und jetzt ist der Bäcker ein gemachter Mann. „Jeder will jetzt nur noch bei ihm Brötchen kaufen“, erklärt Lukas Herrn Hoffmann das Video. Herr Hoffmann fragt sich, warum Lukas ihm das erzählt. Gleich will er noch, dass ich auch so ein Video aufnehme, denkt Herr Hoffmann. „So weit kommt es noch“, sagt er zu sich selber. „Du solltest auch so ein Video aufnehmen“, sagt Lukas. Herr Hoffmann schlägt sich vor die Stirn, packt sich am Kopf, kullert mit den Augen. „Was? Ich meine das ernst“, sagt Lukas unberührt. „Das befürchte ich.“ Herr Hoffmann greift neben sich zur Kaffeemaschine und gießt sich eine Tasse guten Filterkaffee ein. „Du auch?“, fragt er Lukas (natürlich nicht für umsonst). „Ich nehme ein Bier, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und nimmt sich das Bier selber aus dem Kühlschrank Herr Hoffmann macht auf Lukas Deckel einen Strich. „Deinen Deckel könntest du auch mal bezahlen,“ sagt der Kiosk Betreiber mit Blick auf den Deckel.

„Doromanisch bist du wirklich nicht, Herr Hoffmann.“ Lukas kommt mit seinem Bier zur Theke und versucht an einer Ecke der alten Holzvertäflung den Kronkorken abzukriegen. „Wehe“, droht Herr Hoffmann und reicht Lukas einen Flaschenöffner. Während Lukas das Bier traditionell öffnet und Herr Hoffmann heimlich unter der Theke in einem Lexikon nachschlägt, was doromanisch heißt, redet der Student weiter über Herr Hoffmanns digitales Marketing. „Was du brauchst ist eine Online Präsenz. Die ganze Welt hat wenigstens eine Homepage, Herr Hoffmann. Aber du? Du bist digital so sichtbar wie eine Miesmuschel am Strand von Sylt.“ Lukas lacht. Herr Hoffmann verzieht das Gesicht. „So, so. Miesmuschel am Strand von Sylt“, muffelt er. „Und was heißt doromanisch? Ich finde das nicht.“ „Hast du da wirklich ein Lexikon unter der Theke, fragt Lukas. Herr Hoffmann zeigt ihm das Lexikon, ein 600 Seiten dicker Schmöker. „Guck doch in dein Handy. Das ist nicht so schwer und da steht es drin“, rät Lukas. Aber Herr Hoffmann winkt ab. Er will diesen ganzen Schnickschnack nicht.

Erst als Lukas auf dem Kiosk verschwunden ist, guckt Herr Hoffmann doch noch auf seinem Handy, was es mit der Doromanie auf sich hat. In der Wikipedia liest er: Doromanie bezeichnet ein krankhaftes Verhalten, übermäßige viele Geschenke zu machen.

„Nein, dieses Sucht hat er wirklich nicht. Also…“, sagt er zu sich selber (Büdchen – Talk AN), da geht aber schon wieder sein Türglöckchen. (Büdchen – Talk AUS)