Hoffmanns Büdchen (48) – Lukas einfache Welt oder die Asozialen Grippe

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Dienstag, der 21. September 2021, 11 Uhr. Hier sind die Nachrichten“, sagt eine Nachrichtensprecherin gerade im Radio, als die Ladentür aufgeht. Es ist Lukas, Student und Stammkunde in Hoffmanns Büdchen. „Moin, Herr Hoffmann“, sagt der angehende Geisteswissenschaftler oder baldige Studienabbrecher, so ganz ist Herr Hoffmann da noch nicht hintergekommen.

Noch bevor der Kiosk Mann zurückgrüßen kann, fängt Lukas an zu reden. „Herr Hoffmann, unser Nachbar hat Corona. Und weißt du was?“ Lukas zeigt mit dem Finger auf Herrn Hoffmann. Jetzt hat der Büdchen Betreiber die Möglichkeit die richtige Lösung zu sagen, vielleicht sogar einen Preis zu gewinnen. „1, 2 oder 3… du weißt es nicht?“, Lukas grinst, „Zu Recht, Herr Hoffmann. Zu Recht hat der Corona. Der hat schon vor Wochen ein Impfangebot bekommen. Aber wer nicht hören will, der bekommt eben die asozialen, die Assi-Grippe.“ Lukas lacht blöd. Er geht zum Kühlschrank und will sich ein Bier holen.

„Ist nicht dein ernst?“, fragt Herr Hoffmann.

„Was?“ Lukas nimmt sich eine 0,5 Flasche, guckt kurz, ob sie kalt genug ist und öffnet sie mit dem Flaschenöffner, der am Kühlschrank an einer Stück Angelschnur baumelt. „Bier um 11 Uhr? Doch das ist mein ernst. Hab heute frei?“ Lukas grinst.

„Ne, deine Sauferei ist mir egal. Ich meine deine blöden Sprüche. Assi-Grippe? Was soll das? Stell dir vor, du hättest dich jetzt angesteckt und dein Nachbar würde so ein Mist über dich erzählen. Finde ich wirklich das Letzte.“, sagt Herr Hoffmann und verzieht das Gesicht. Nicht nur Lukas Bierkonsum, der Herrn Hoffmann wirklich nichts angeht, er ist nicht Lukas Papa (zum Glück), sondern auch dieses Draufschlagen auf Andersdenkende, geht Herrn Hoffmann wirklich auf den Geist. Wobei Herr Hoffmann noch nicht mal weiß, ob dieser Nachbar wirklich anders über die Sache denkt (vielleicht hat er einen anderen vernünftigen Grund).

„Herr Hoffmann, komm schon. Echt? Solche Leute gefährden uns alle, wenn sie sich nicht impfen lassen. Hörst du keine Nachrichten? Es ist Corona.“ Immer noch hat Lukas sein blödes Grinsen im Gesicht. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf und macht einen kurzen abfälligen Laut. „Und sobald jemand anders als der verehrte Herr Langzeitstudent denkt, ist er ein Assi“, sagt Herr Hoffmann. „Oder sie“, verbessert Lukas. „Auch bei den Assis nehme ich alle mit.“ Das Grinsen scheint dem Studenten ins Gesicht genagelt worden zu sein.

„Ganz ehrlich, Lukas, mit so einer Meinung bist du der Assi für mich“, sagt Herr Hoffmann und widmet sich einem Aktenordner auf seiner Theke. Er hat sich heute vorgenommen, endlich mal ein paar Unterlagen zu sortieren und dieses Gespräch möchte der Büdchen Betreiber wirklich nicht weiterführen.

„Was?“ Grinse Lukas versucht noch einmal zu Herrn Hoffmann durchzudringen.

„Ich habe zu tun, Lukas. Du kannst gerne noch dein Bier austrinken. Um …“ Herr Hoffmann schaut hinter sich auf die Becks Gold Werbegeschenk Wanduhr. „Um Viertel nach elf. Aber ich muss jetzt hier weitermachen“, sagt Herr Hoffmann und beginnt seine Papiere zu sortieren.

„Ich dachte, wir wären bei dem Thema auf einer Seite“, sagt Lukas, aber Herr Hoffmann hat keine Lust mehr, darauf zu antworten.

Einen Moment hört man nur das Rascheln von Papier. Lukas trinkt noch einen Schluck, dann stellt er das angetrunkene Bier auf den Stehtisch und geht ohne ein Wort.

„Ach Lukas, das hat nichts mit irgendeiner Seite zu tun“, sagt Herr Hoffmann kurze Zeit später, alleine im Büdchen stehend. Er dreht das Radio wieder lauter. „Und jetzt das Wetter“, sagt gerade die Nachrichtensprecherin. „Es bleibt unbeständig.“

Hoffmanns Büdchen (47) – Günter, der nette Nazi

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Die Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall“, denkt er gerade und hört Günter, soweit es geht, zu. Günter: Ende fünfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsaußen.

„Herr Hoffmann, weißt du eigentlich, was ich damals gemacht habe? So beruflich in deinem Alter oder noch früher?“ Günter lacht auf. Er gehört schon zu der Gattung Mensch, die am Meisten über ihre eigenen Witze lachen können. Dann schaut aber sofort wieder ernst, sehr ernst zu Herrn Hoffmann über die Theke. „Wie ist eigentlich die männliche Form von Politesse“, überlegt Herr Hoffmann. Er kommt nicht drauf. „Ich weiß es nicht, Günter“, sagt er.

Noch einen kurzen Moment lässt Günter die selbstaufgebaute Spannung steigen. Vielleicht doch noch eine Werbepause? Nein.

„Taxifahrer“, sagt Günter.

„Es ist raus. Taxifahrer“, denkt Herr Hoffmann. „Lustig“, sagt der Büdchen Betreiber nach einer Weile. „Taxifahrer also.“ Was anderes fällt ihm auf Günter tolles Beruferaten nicht ein.

„Abgeschlossenes Politikstudium, danach Taxischein, zwanzig Jahre Nachtschicht, zwanzig Jahre Single, lieber Herr Hoffmann.“

Herr Hoffmann nickt. Taxifahrer also. Immer alleine, irgendwann an der falschen Stelle abgebogen. Heute ist Günter für das Viertel nur noch der rechte Giftzwerg.

Herr Hoffmann weiß genau, wie sich „allein sein“ anfühlt und an was für schräge Orte einen die Fantasie tragen kann.

„Ich weiß wohl, dass mich alle für einen rechten Giftzwerg halten. Hier, dein Stammkunde, dieser Student, Lukas, der hat mich doch letztens sogar bei dir im Büdchen als Nazi bezeichnet.“

Herr Hoffmann starrt auf Günter, ohne dazu etwas zu sagen. Er erinnert sich noch genau an das Gespräch, den Streit. Schön war das nicht. Herr Hoffmann fragt sich allerdings, warum Günter ihm das alles erzählt. Gefragt hat er nicht danach.

„Und weißt du was, Herr Hoffmann?“ Günter kommt einen Schritt näher zur Theke. Herr Hoffmann weiß nicht.

„Was?“, fragt der „Herr des Kiosk“, dreht sich dabei zur Wanduhr um, die hinter ihm neben dem Zigarettenregal hängt. Ein Becks Gold Vertreter hat sie ihm geschenkt. Herr Hoffmann wollte sie immer mal wieder austauschen, aber sie läuft noch. Herr Hoffmann mag keine Verschwendung. Das Werbegeschenkt jedenfalls zeigt, dass bald gegenüber an der Schule Große Pause ist. Dann stürmen die Schüler und Schülerinnen wieder in seinen Kiosk und die Zeit zum Plauschen ist vorbei.

„Zu Recht, lieber Herr Hoffmann. Zu Recht.“ Günter lehnt sich über die Theke. Herr Hoffmann muss einen Moment überlegen, was Günter meint. Er geht einen Schritt zurück und prallt leicht gegen das Zigarettenregal.

„Herr Hoffmann, wir müssen wieder lernen, die eigenen Hütte sauber zu halten. Das geht nicht, wenn hier jeder reinkommt und macht, was er will. Ich weiß, dass darf man nicht mehr sagen, aber…“

Jetzt weiß Herr Hoffmann wieder, worum es geht.

„…aber wir brauchen Strukturen, Ordnung, eine starke Hand, Persönlichkeiten, die wissen, wie man der Jugend wieder Tugenden und Ideale mitgibt. Lieber Herr Hoffmann, Friede, hörst du, Friede ist nur der Zustand zwischen zwei Kriegen“, sagt Günter, am Ende seines Vortrags angekommen. Günter schaut Herrn Hoffmann durchdringend, auch neugierig an, als ob er auf seine Sätze eine Antwort haben will. „Eine Bestätigung vielleicht noch“, denkt Herr Hoffmann.

Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Das Türglöckchen des Kiosk läutet und eine Scharr junger Schülerinnen und Schüler überfällt seinen Laden.

„Maske auf. Nur zwei Kunden gleichzeitig. Wenn du das Heft lesen willst, musst du es kaufen,“ schreit der Büdchen Betreiber zwischen den Heranwachsenden. Günter lächelt. Er grüßt noch einmal über die Theke und verabschiedet sich.

Ein paar Minuten später steht auch Herr Hoffmann wieder alleine in seinem Büdchen. Hätte er Günter seine Meinung sagen sollen? War es richtig, einfach die Klappe zu halten? Wohl kaum. Aber, das muss sich Herr Hofmann eingestehen, er mag Günter. Kein Freund, aber ein Stammkunde, den er gerne im Büdchen hat.

„Der nette Nazi“, lächelt Herr Hoffmann und ahnt, dass das eigentlich gar nicht möglich ist.

Hoffmanns Büdchen (46) – Pimmelgate oder „Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In seinem Büdchen ist ein großes Tohuwabohu. Man unterhält sich über Politik und die baldigen Wahlen. Günter ist mal wieder da, Lukas natürlich und auch Herr Ärmel. Es wird, um mal eine Metapher zu verwenden, bis aufs Blut diskutiert.

„Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“, sagt gerade Lukas und Herr Hoffmann sieht, wie bei Herrn Ärmel das Blut in den Adern zu kochen beginnt. „Lieber junger Mann,“ wehrt sich der Ruheständler, „zum Einen bin ich für Sie immer noch „Sie, Herr Ärmel“, soviel Zeit muss sein, zum Anderen finde ich es ziemlich daneben, mich Pimmel zu nennen, nur weil ich eine andere Meinung habe.“

Jetzt lacht Günter. Der Zigarillo Raucher steht an dem einzigen Tisch im Büdchen und rührt sich aggressiv Milch und Zucker in seinem Kaffee – der Kaffee schwappt über den Tassenrand. „Herr Ärmel, ich denke, er hat dich Pimmel genannt, weil du ein Pimmel bist und nicht wegen deiner politischen Meinung, “ duzt der offensichtliche Rechtsaußen-Wähler den armen Herr Ärmel. Lukas nickt heftig. „Genau. Oder haben Sie keinen Pimmel, Herr Ärmel?“, fragt Lukas rhetorisch.

Jetzt mischt sich Herr Hoffmann in das Gespräch ein. „Leute, ich möchte nicht, dass hier in meinem Kiosk irgendwer Pimmel genannt wird. Und schon gar nicht Herr Ärmel. Ich schätze Herrn Ärmel und unsere Gespräche und ich will nicht, dass meine Kunden hier beleidigt werden.“

„Kann sich der Pimmel nicht selber wehren“, sagt Günter, der ganz offensichtlich auf Krawall aus ist. „Also…“ Gerade will Herr Ärmel ansetzen und sich, wie gewünscht, wehren, da fährt ihm aber schon wieder Herr Hoffmann ins Wort.

„Günter, wenn Sie nur mit Pimmel um sich werfen können, gehen Sie besser“, sagt Herr Hoffmann so gerade noch freundlich.

„Ich kann mich auch selber wehren, Herr Hoffmann“, sagt nun Herr Ärmel wütend. Er mag es gar nicht, wenn man für ihn redet. Noch nicht einmal ein Herr Hoffmann.

„Pimmel“, sagt Günter und grinst. Lukas lacht laut auf.

Herr Hoffmann zieht für alle hörbar die Luft ein und will gerade etwas erwidern, doch Günter ist schneller. Der Starkraucher erklärt den Anwesenden die Welt, seine Günter-Welt.

„Also, Pimmel ist für mich kein Schimpfwort. Pimmel ist doch nett. Wenn der junge Mann (Günter zeigt auf Lukas) jetzt Schwanz oder Fickrakete oder Bumsstengel gesagt hätte. Gut, das wäre schon beleidigender gewesen. Aber Pimmel? Herr Hoffmann, ich bitte sie“, sagt Günter, zieht eine Augenbraue hoch und führt weiter aus. „In Hamburg wurde jetzt der Innensenator von linken Zecken Pimmel genannt. Der hat dann gleich eine Hausdurchsuchung in diesem autonomen Sumpf in Auftrag gegeben“

„Was ein Pimmel“, sagt Lukas.

„Aha“, sagt Herr Ärmel. „Ich dachte, Pimmel wäre so neutral. Aber jetzt haben sie ja selber Pimmel als Beleidigung gebraucht.

„Weil er sich pimmelig aufgeführt hat“, erklärt der Student.

„Der Innensenator wurde von linken Zecken als Pimmel bezeichnet, weil er sich gegen illegale Corona Partys gewendet hat“, weiß Günter zu berichten.

„Linke Zecken darf man also als Pimmel beschimpfen, oder was?“, fragt Herr Ärmel an Günter gewandt

„Linke Zecken darf man auch gegen die Wand stellen“, sagt Günter böse.

„So, jetzt reicht es. Sowas will ich hier nicht hören. Raus. Sofort. Alle. Hier wird niemand an irgendeine Wand gestellt. Wenn ich so ein Mist höre, kommt mir die Galle hoch“, schimpft Herr Hoffmann. „Lukas, von dir hätte ich da wirklich etwas anderes erwartet.“

Seine Kunden schauen ihn erstaunt, aber auch erschrocken an. Sie haben Herrn Hoffmann selten so sauer gesehen. „Da sehen Sie es, Günter“, was Sie angerichtet haben. Scheiß Nazi“, greift Lukas jetzt Günter an. „Ich? Wer hat denn mit Pimmel angefangen? Du oder ich“, wehrt sich der rechtskonservative Kettenraucher. „Du“, sagt Lukas und schaut grimmig zu Günter. Offensichtlich verschieben sich gerade erneut die Fronten.

Da geht das Türglöckchen. Es ist Michael – BILD Leser, Schnorrer, Alkoholiker.

„Na, ihr Pimmel. Alles klar?“, fragt er unbedarft.

Herr Hoffmann schlägt sich mit der offenen Hand an die Stirn.

„Autsch, der hat mir noch gefehlt“, sagt er halb zu sich selber, halb zu den Kunden. „Seine Kundschaft kann man sich nicht aussuchen“, sagte mal eine Kollege“. Das ist wohl Blödsinn, denkt Herr Hoffmann, aber man kann als Büdchen Besitzer wenigstens entscheiden, wann man die Kunden vor die Tür setzt.

„Nämlich jetzt“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber und drängt die vier Männer aus seinem Büdchen. Michael versucht noch schnell Schnaps und eine Zeitung anschreiben zu lassen. Aber sogar hierfür hat der Büdchen Betreiber gerade keine Nerven. „Heute nicht“, brüllt er den Schnorrer an.

„Ist ja gut“, sagt Michael geknickt.

„War doch nicht so gemeint“, meint auch Lukas, der jetzt auch endlich merkt, dass er zu weit gegangen ist.

„Herr Hoffmann, war doch nur Spaß“, wirft jetzt auch noch einmal Günter ein.

„Also. Herr Hoffmann. Ich auch?“, fragt Herr Ärmel naiv. Herr Hoffmann antwortet noch nicht mal mehr da drauf.

„Alles Pimmel“, flüstert er, als er sie endlich auf der Straße hat. Am Liebsten würde er abschließen und Feierabend machen. In zwei Wochen sind Wahlen, danach wird sich die Stimmung wieder beruhigen. Glaubt er. Oder es wird noch schlimmer, weiß er.

Hoffmanns Büdchen (45) – Ein Brief an Herrn Ärmel

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Was schreibst du da, Herr Hoffmann“, fragt Paket Paul und beobachtet den Büdchen Betreiber interessiert, wie er scheinbar einen Brief schreibt.

„Einen Brief“, sagt Herr Hoffmann.

„Ah“, sagt Paket Paul. Er hätte wissen müssen, dass die Kiosk Größe nicht mehr Worte als nötig verliert.

„Und?“, fragt Paket Paul weiter. Er weiß Herrn Hoffmann mittlerweile richtig zu nehmen.

„An Herrn Ärmel. Wegen unserem Missverständnis vor ein paar Tagen“, sagt Herr Hoffmann, während er konzentriert weiter auf sein Briefpapier schaut.

„Ah“, sagt Paket Paul. Herr Hoffmann guckt zu seinem Stammkunden, also Paket Boten hoch. Ihm ist nie aufgefallen, wie oft Paket Paul „Ah“ sagt.

„Darf ich dir den Brief mal vorlesen?“, fragt Herr Hoffmann.

Er weiß seinen Paket Boten mittlerweile richtig zu nehmen.

Paket Paul nickt. „Gerne.“ Er geht rüber zum Stehtisch, dem einzigen Möbel für die Kunden in Hoffmanns Büdchen, lehnt sich auf die Tischplatte.

„Na, dann mal los“, sagt er.

Und Herr Hoffmann legt los.

Lieber Herr Ärmel,

ich möchte mich bei Ihnen für mein Fehlverhalten vor drei Tagen entschuldigen.

Sie haben mir ihre tiefsten Gedanken über die Kunst eröffnet und ich habe nicht zugehört.

Stattdessen habe ich mich an einem Schwitzfleck auf ihrem Hemd festgeguckt. Die feuchten Achseln vorm Ärmel. Verstehen Sie die Doppeldeutigkeit? Mich amüsierten die Achseln vom Ärmel so sehr, dass ich Ihnen nicht zu hören konnte. Es tut mir wirklich leid und ich hoffe, Sie verstehen meinen Schalk und können bald wieder mit mir lachen.

Ihr,

Herr Hoffmann

„Und?“, fragt Herr Hoffmann.

„Ja“, sagt Paket Paul, wobei er sein „ja“ absichtlich lang zieht.

„Das heißt?“, fragt Herr Hoffmann vorsichtig.

„So bist du eben, Herr Hoffmann. Und Herr Ärmel ist auch schräg genug für so einen Brief.“

Herr Hoffmann zieht seine Augenbrauen hoch, Paket Paul ist noch nie aufgefallen, wie oft Herr Hoffmann seine Augenbrauen hochzieht, dann gibt er Paket Paul seinen Brief und widmet sich ohne ein weiteres Wort über den Brief wieder seinen Kiosk Geschäften. Drüben an der Schule hat gerade die Glocke zur Großen Pause geläutet. Gleich werden wieder Schüler (und natürlich auch Schülerinnen) seinen Kiosk stürmen, da braucht er seine ganze Kraft. Noch einmal durchatmen, da geht schon sein Türglöckchen. Es geht los.

Hoffmann Büdchen (44) – Probleme mit Herrn Ärmel

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor der Theke brodelt es – nicht viel, aber genug für den kleinen Kiosk.

„Herr Hoffmann! Und die Kunst?“, sagt Herr Ärmel erregt.

„Was denkt er sich jetzt wieder aus“, denkt Herr Hoffmann. Herr Ärmel ist im Büdchen für seine Geschichten bekannt.

„Wenn die Kunst da draußen vor allem die Aufgabe hat, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn die Kunst nur ein netter Treffpunkt ist, dann ist das sicherlich eine gute Sache, und das da draußen ein gutgemeinter Ort, aber Kunst… (Kunstpause) Kunst ist das dann noch lange nicht, Herr Hoffmann“, regt sich Herr Ärmel auf. Er schwitzt leicht auf der Stirn und wenn man genau hinschaut, sieht man sogar einen kleinen Schwitzefleck unter Herr Ärmels Achseln.

Ja, sein hellblaues Hemd changiert sogar leicht ins dunkelblaue. Unter den Achseln.

Herr Hoffmann muss grinsen: „Ärmels Achseln. Achsel Ärmel. Zwei Ärmel, zwei Achsen“

„Ach lustig, des Ärmels Achsel“, denkt Herr Hoffmann und kann gar nicht anders, als kurz auflachen.

„Herr Hoffmann?“

„Herr Ärmel?“

„Herr Hoffmann, hören sie mir überhaupt zu?“, fragt Herr Ärmel.

Lukas und Paket Paul, die natürlich auch beide wieder im Kiosk rumstehen, grinsen ebenfalls. Beide ahnen, dass der Herr des Kiosk gerade mit seinen Gedanken ganz woanders war.

Herr Ärmel guckt hoch zu Lukas, Paket Paul und dann zu Herrn Hoffmann.

Herr Ärmel kann darüber gar nicht lachen.

„Herr Hoffmann, ich habe mich sehr in ihnen getäuscht“, sagt er ernst. Dann schnappt er sich seinen Lottoschein und geht ohne ein weitere Wort. Lukas, der die Situation nicht gleich durchschaut, ruft ihm noch ein „Tschüß, Herr Ärmel“ hinterher und ahnt nicht, dass er es dadurch eher schlimmer macht.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Autsch“, denkt er.

„Autsch“, sagt auch Paket Paul, packt seine kleine Tasche und die Pakete und geht. Er muss heute noch viele Pakete abliefern. Lukas verabschiedet sich ebenfalls, er muss heute noch Lukas sein und nichts machen.

Und so steht der Büdchen Betreiber plötzlich alleine mit seinen Gedanken im Kiosk und kann sich viele Gedanken machen, wie er sich bei Herrn Ärmel entschuldigen kann.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er macht sich Gedanken. Viele Gedanken.

Hoffmanns Büdchen (43) – Schluss mit Denken

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Er denkt und er liest. Hanna Arendt. Er hat das Buch unter seiner Theke ein wenig versteckt, so dass die Kunden es nicht gleich sehen, wenn sie zum Bezahlen zur Theke kommen. Er möchte nicht als Spinner gelten. Wenn ein Büdchen Betreiber sich hinter seiner Theke solchem Zeugs hingibt, zählt er schnell als Spinner bei den Leuten. Das gilt natürlich nicht nur für Büdchen-Betreiber: Schon als Jugendlicher hat Herr Hoffmann gerne die Antiken gelesen. Er war immer fasziniert davon, dass vor zweieinhalb Jahrtausenden Gedanken aufgeschrieben wurden, die jetzt noch den Nagel auf den Kopf treffen. Einmal saß er mit seinem Platon vorm “HOT”, dem städtischen Jugendzentrum in seinem Viertel. Als eine Gruppe gelangweilter Vorstadt Krokodilchen ihn mit seinem Buch sah, gab es Prügel; er kam nicht aus dem besten Viertel. Bücher vorm HOT lesen, machten hier nur Spinner.

Auf Philosophie hatte er nach der Prügel jedenfalls keine Lust mehr. Doof gelaufen, denkt Herr Hoffmann manchmal, meistens verdrängt er aber nur die alten Geschichten.

Heute traut er sich wieder zu lesen, seinem Sokrates zuzuhören, seinen Fragen, seinen Ideen. Die ewigen Ideen, die hinter den Dingen liegen, die unsterlichen Götter und am Ende der Kette, der Mensch, der sich als einziges Wesen seiner Sterblichkeit bewusst ist.

Herr Hoffmann grübelt: Die Industrieware Mensch, das männliche Schredderkücken hat mit Ewigkeit und Unsterblichkeit wenig am Hut. Manche unter ihnen versuchen sich durch ihre Erfindungen, ihre Slebstgemachtes bisschen Unsterblichkeit zu geben. Die Meisten fristen ihr Dasein und versuchen so wenig wie möglich, über alles nachzudenken. Mit ihrer “Kauf dich glücklich” Philosophie plus Ficken, Fressen, Fernsehen kriegen sie den Tag schon rum, denkt Herr Hoffmann. Wenn uns tatsächlich eine andere Spezies aus den Tiefen des Alls belauscht, was wird sie zu diesen Menschen sagen, die Ü-Eier oder Plastikschweinchen sammeln und am Besten nicht über Morgen nachdenken?

Was? Herr Hoffmann mag es, seine Gedanken einfach treiben zu lassen, alleine in seinem Büdchen zu stehen und sich in seine Welten zu denken. Auch wenn sie ihn manchmal auch sehr traurig machen.

„Das, dieses Denken, ist eine gute Sache”, sagt er zu sich und legt ein alten Bierdeckel als Lesezeichen in sein. Er muss Schluss machen. Mit Denken. DasTürglöckchen läutet und er will nicht als Spinner zählen.

Hoffmanns Büdchen (42) – Über Bullshit Jobs, Paket Paul und der Wunsch nach Anerkennung

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und unterhält sich mit Paket Paul, der gerade seine Mittagspause bei Herrn Hoffmann verbringt. Sie reden über die Wahlen zum Bundestag, die im September sind.

„Ich weiß dieses Jahr gar nicht, wen ich wählen soll“, sagt Paket Paul schwermütig. „Bei uns arbeiten meine Frau und ich Vollzeit und trotzdem reicht es gerade mal so. Das kann doch nicht sein, Herr Hoffmann? Was wählst du denn?“, jammert er und schaut hoch zum Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann zieht seine Augenbrauen hoch. „Tja, ich weiß nicht“, sagt er ehrlich.

Früher hat der „Herr des Büdchens“ immer die Grünen gewählt, aber dieses Jahr ist er unsicher. Er findet die Kanzlerkandidatin der Grünen unsympathisch und neben dem Partei-Programm ist doch auch Sympathie wichtig. Vielleicht sogar noch wichtiger. Aber dieser Laschet geht für Herr Hoffmann gar nicht. Und der Scholz? Ja, den könnte er wählen, aber er befürchtet, dass seine Stimme wegschmissen ist, wenn er die Sozialdemokratie wählt.

„Naja, welcher Politiker war einem vorher schon sympathisch?“, fragt Paket Paul und Herr Hoffmann fallen da schon ein paar Namen ein. „Wie auch immer.“ Paket Paul winkt ab. „Aber ich kann doch niemanden wählen, der mir als Paket Bote gar nichts anbietet, und vor allem mir das Gefühl gibt, dass ich nichts wert bin. Das ist es doch: Ich will doch nicht einfach mehr Geld, Urlaub, Rente mit 60zig. Das ist alles auch schön und klar nehme ich das mit. Aber…“ Paket Paul macht eine Kunstpause. „Aber was ich, Herr Hoffmann, was ich wirklich will, ist Anerkennung. Anerkennung für ihren blöden Paket Boten.“ Herr Hoffmann sieht, wie Paket Paul seine Hände zu Fäusten ballt, er ist aufgebrachter als Herr Hoffmann zuerst gedacht hat. So zornig kennt er seinen Boten gar nicht. Des Botens Zorn sieht man sogar, wenn man ihn nicht so gut kennt. „Ja, ich bin nur ein blöder Paket Bote, trotzdem sorge ich mit meiner Frau für unser Kind, für die Familie, gebe mir Mühe, und sie, meine Judith („Judith heißt sie also“, denkt Herr Hoffmann) arbeitet auch noch ehrenamtlich im Umweltschutz, ich engagiere mich innerhalb unserer Nachbarschaft. Wir machen was. Es ist uns wichtig.“ Kunstpause. „Aber am Ende bin ich doch nur wieder nur so ein Bullshit Jobber. Das sagen doch alle, sogar die Linken: Die Bullshit Jobber. Was für eine Arroganz ist das denn?“

Herr Hoffmann nickt. Er sieht das leider ganz ähnlich: Früher hat man seinen Job gemacht und egal, ob du Taxifahrer oder Müllmann warst, hat man dir trotzdem noch Respekt entgegengebracht. Gut, ein Scheiß Job war auch früher ein Scheiß Job. Aber man wurde nicht gleich in die Scheiß Job Schublade gesteckt. Aber heute? Sobald man einen dieser Billiglohn-Jobs macht, bekommt man gleichzeitig noch den Opfer Stempel von der Gesellschaft mitgeliefert. „Oh, ein Bullshit Jobber. Arme Sau.“ Sogar die Politik nennt einen arme Sau.

„Ich meine ja gar nicht, dass früher alles besser war. Aber mehr Respekt war schon, oder?“

„Ja, vielleicht.“ Auch Herr Hoffmann musste schon viele schlechte Jobs in seinem Leben machen. Er weiß genau, was Paket Paul meint: Anerkennung ist auch eine Art Lohn.

Das Glöckchen der Ladentür läutet. Es ist Schulschluss. Ein paar Schülerinnen decken sich vor ihrer Heimfahrt mit den Öffentlichen noch mit Süßigkeiten, Getränken und Zigaretten im Büdchen ein.

„Moin, Herr Kiosk-Fuzzi“, sagt eine viel zu aufgebrezelte Schülerin beim Eintreten. Ihre Freundinnen, nicht weniger geschmacklos gekleidet, lachen doof.

„Guten Tag“, lächelt Herr Hoffmann freundlich zurück. Natürlich ist es auch für ihn nicht immer leicht, höflich zu bleiben. Gerade die Schule gegenüber ist für Herrn Hoffmann jeden Tag aufs Neue Herausforderung. „Lächeln“, sagt sich Herr Hoffmann in solchen Momenten immer und immer wieder. „Ich muss lächeln.“

Er verkauft den Schülerinnen ein paar lose Zigaretten, Schokolade oder Cola. Dann stehen Herr Hoffmann und Paket Paul wieder alleine im Kiosk.

„Herr Kiosk Fuzzi?“ Paket Paul verzieht das Gesicht. „Das meine ich, Herr Hoffmann. Anerkennung. Respekt. Aber sag mal, verkaufst du wirklich immer noch lose Zigaretten?“ Herr Hoffmann nickt. Paket Paul lacht. „Alter, du bist echt ne Hupe.“ „Hup hup“, macht Herr Hoffmann und grinst.

Hoffmanns Büdchen (41) – Denkerstübchen mit Hannah Arendt Zeugs

Ein merkliches Abnehmen des gesunden Menschenverstands und ein merkliches Zunehmen von Aberglauben und Leichtgläubigkeit deuten daher immer darauf hin, dass die Gemeinsamkeit der Welt innerhalb einer bestimmten Menschengruppe abbröckelt, dass der Wirklichkeitssinn gestört ist, mit dem wir uns in der Welt orientieren, und dass daher die Menschen sich der Welt entfremden und begonnen haben, sich auf ihre Subjektivität zurückzuziehen.“ (Hannah Arendt, Vita activa, S. 265)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sortiert Briefmarken. Schon länger ist sein Kiosk auch Poststelle, was Herrn Hoffmann das Recht gibt, Briefmarken zu verkaufen und Pakete annehmen. Paket Paul, Stammkunden und sowas wie ein Freund, holt dann im Laufe des Tages die Pakete ab. Paket Paul hat auch erst dafür gesorgt, dass das Büdchen Poststelle wird. „Da kannst du noch eine Mark extra machen, Herr Hoffmann“, erklärte ihm damals Paket Paul.

Vor der Theke steht Herr Ärmel und redet mit Händen und Füßen auf den Kiosk Betreiber ein. Früher kam Herr Ärmel immer donnerstags zum Lottospielen, aber mittlerweile steht auch Herr Ärmel wenigstes einmal pro Tag im Büdchen, um zu quatschen. Gerade regt sich Herr Ärmel über die Wahlen im September auf. Er weiß nicht mehr, was er wählen soll, sagt er. Das erste Mal ist er wirklich ratlos.

„Ich fühle mich ohnmächtig. Es gibt auch keinen Raum mehr, wo man miteinander redet, diskutiert, zusammen handelt. Eine echte Öffentlichkeit. Natürlich informiere ich mich, aber es gibt kein Austausch, Herr Hoffmann.“

„Das Internet?“, schlägt Herr Hoffmann vor. „Ist das Internet kein Raum, wo man sich einmischen kann? Das wurde doch immer gesagt.“

Herr Ärmel verzieht das Gesicht. „Das Internet?“ Er lacht. „Im Internet kriegst du das zu hören, was du hören willst. Wenn man sich für die Monarchie ausspricht oder für Sex mit Tieren, bieten dir die Algos Monarchie oder Sex mit Tieren an.“

„Algos?“

„Also, Herr Hoffmann, wirklich?“ Herr Ärmel guckt belustigt. „Algos sind Algorithmen. Aber ich rede von echter Öffentlichkeit und von Gemeinsinn. Ich habe das Gefühl, dass die letzten Monate den letzten Funken Gemeinsinn kaputt gemacht haben.“

Herr Hoffmann schiebt die Briefmarkenbögen, 80 Cent Marken mit 250 Jahre Ludwig van Beethoven, zur Seite. Er hatte eigentlich das Gefühl, dass gerade momentan viel über Solidarität und Gemeinsinn in den Zeitungen geschrieben wird. Erst gerade gab es noch eine große Flutkatastrophe und viele Menschen haben gespendet und geholfen.

„Ja, weil sich die Menschen gut fühlen, wenn sie helfen, Aber das hat doch nichts mit Gemeinsinn zu tun. Das ist Mitleid,“ verbessert Herr Ärmel. „Gemeinsinn, zusammenkommen und zusammen handeln, heißt doch nicht, dass man abends zusammen einen Trinken geht oder ins Kino. Wir sind doch mehr als kluge Ameisen, die nach getaner Arbeit, ihre Kräfte beim Essen, auf dem Sofa oder beim Feiern wieder sammeln, um am nächsten Tag weiter zu schuften. Wirklich-sein ist nicht das Gleiche wie Lebendig-sein, Herr Hoffmann.“

„Wirklich-sein?“, fragt Herr Hoffmann.

„Wirklich-sein heißt zu wirken, Spuren zu hinterlassen. Wenn du nur zu Hause rumsitzt, kannst du noch so klasse Ideen oder Gedanken haben, du wirst nichts hinterlassen, keine Geschichte. Hinter deiner Wohnungstür sieht dich keiner.“

„Das ist Hannah Arendt -Zeugs, oder?“, fragt Herr Hoffmann vorsichtig.

Herr Ärmel nickt. „Ja, gut geraten Herr Hoffmann. Aber vor allem ist es richtig. Wir brauchen wieder einen öffentlichen Raum, wo wir zusammenkommen und miteinander reden, und ich rede nicht von Geschwafel, sondern wirklich miteinander reden. Zum Beispiel über die nächsten Wahlen und den Zustand unserer Demokratie.“

Herr Hoffmann guckt auf die immer gleichen Briefmarken. Herr Ärmel hat sicher Recht mit seiner Kritik, aber auch der Kiosk Betreiber ist kein großer Redner. Meistens lässt er die anderen reden und hört lieber zu.

„Herr Hoffmann, ich weiß, was du gerade denkst. Bei dem meisten Unsinn höre ich auch weg. Zum großen Teil labern die Menschen nur, und daran muss ich mich auch nicht beteiligen.“

Herr Hoffmann will noch einmal in Ruhe über Herrn Ärmels Worte nachdenken. Außerhalb der Öffentlichkeit hinterlässt man nichts. Hinter den eigenen vier Wänden bleiben die Worte und Taten ohne Folgen. Es bleiben keine Geschichten zurück. Aber bleiben sie in der Öffentlichkeit zurück? Werden die Taten, die Reden des Einzelnen in der Öffentlichkeit unsterblich? Ist der öffentliche Raum immer noch der Ort, der Unsterblichkeit produziert? Was heißt das überhaupt: Unsterblichkeit? Öffentlichkeit? Geschichte?

Es dreht sich wieder alles in Herrn Hoffmanns Köpfchen, in seinem Denkerstübchen. Er mag das Gefühl. Und vielleicht sollte er auch noch mal die Arendt lesen. Sie hat viel Spannendes vor fünfzig Jahren niedergeschrieben und gerne würde er sich mit Herrn Ärmel weiter über Hannah Arendts Theorien austauschen. Leider geht genau in diesem Moment das Türglöckchen und Herr Hoffmann muss sich wieder seiner Notwendigkeit, seiner Arbeit widmen.

Hoffmanns Büdchen (40) – Denkerstübchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Lukas, Herr Ärmel und Paket Paul sind im Kiosk und es wird angeregt diskutiert. Student Lukas erzählt gerade eine Geschichte, die ihm auf dem Weg passiert ist.

„… dann stehen dort diese dicken Karren und alle lassen ohne Grund den Motor laufen. Ich denke noch: Was sind das für Idioten? Da biegt plötzlich ein Elektro Biker natürlich mit Helm und Warnweste um die Ecke und kackt die Fahrer an. „Ey, macht mal den Motor aus. Idioten. Denkt ihr auch mal nach?“, schrie der. Und als die nicht hören, fährt er genervt weiter, aber nicht ohne noch einmal „Scheiß Türken“ zu brüllen, was natürlich gar nicht geht, also das „Scheiß Türken“-Brüllen. Jedenfalls kriegen das auch zwei Mädchen, vielleicht Anfang Zwanzig, bißchen alternativer, mit. Und was machen die?“

Lukas guckt zwischen Herrn Hoffmann, Herrn Ärmel und Paket Paul hin und her, als ob die drei wüssten, was die Mädchen gemacht haben.

„Erzähl schon“, drängelt Paket Paul mit Blick auf die Uhr. Draußen erwartet den Paket Boten noch ein ganzer Wagen Pakete. Paket Paul zieht der vielen Arbeit wegen die Luft ein. Er hat es wirklich nicht leicht. Lukas erzählt weiter.

„Die beschimpfen den alten weißen Mann lautstark als Nazi . Und was macht dieser rechte Sack?“ Lukas legt eine Kunstpause ein. „Der zieht nicht Leine. Ne, der zeigt ihnen auch noch einen Vogel.“ Lukas zeigt allen einen Vogel, um zu veranschaulichen, wie „Vogel zeigen“ geht.

„Aber dann die Ladys: Die schubsen den Sack vom Rad und – so schnell konnte ich gar nicht schauen – prügeln ihn grün und blau. Später erzählen sie „Demoerfahrung Schwarzer Block“.

Lukas guckt hoch. Er hat seine Geschichte beendet. „Soll das witzig sein?“, fragt Paket Paul.

„Nein.“ Lukas schüttelt den Kopf. „Eher nicht.“

Herr Ärmel fragt, ob Lukas die Polizei gerufen hat.

„Nein. Natürlich nicht.“ Lukas lacht. Es kommt ihm absurd vor, die Polizei zu rufen.

„Waren das denn „Scheiß Türken?“, möchte Paket Paul noch wissen.

„Ob das „Scheiß Türken“ waren?“

„ Ja.“

„Weiß nicht. Also man beschimpft doch nicht einfach Leute als „Scheiß Türken“. Dieser Alte hat ja „Scheiß Türke“ gesagt, weil er die beleidigen wollte. Er hat doch damit gesagt: Klar sind das wieder die Türken, die den Motor laufen lassen.“

„Und dafür wurde er verprügelt?“, fragt Herr Ärmel skeptisch.

„Ja.“

„Scheiß Deutsche“, mischt sich Herr Hoffmann ein.

„Scheiß Deutsche“, wiederholen die anderen.

„Aber Motor laufen lassen ist auch scheiße. Ob Türke oder Deutscher“, sagt Lukas.

„Waren es denn Türken?“, möchte Paket Paul wissen.

„Westfälische Jungbäuerinnen.“

„Was?“ Paket Paul guckt erstaunt.

Lukas grinst.

Alle grinsen.

Dann geht das Türglöckchen. Drüben an der Schule ist Pause. Die nächste halbe Stunde hat Herr Hoffmann zu tun und seine Stammkunden müssen sich woanders rumtreiben.

Hoffmanns Büdchen (39) – Die Erde ist mein Weltraum

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist – für ihn ungewöhnlich – sehr. aufgebracht„Die Erde ist mein Weltraum“, sagt er zu Lukas und Paket Paul, die wie immer in seinem Büdchen ihre Freizeit verbringen. Die Beiden lachen. „Ach, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und grinst zu Herrn Hoffmann rüber. „Wenn man so technikfeindlich ist, wundert mich das nicht.“

Herr Hoffmann sagt nichts dazu. Er ist nicht technikfeindlich. Das ist Quatsch, denkt Herr Hoffmann. Aber sobald man die Kaffeemaschine nicht über seine Sprach-App steuert, zählt man als rückständiger Waldschrat.

In einer Zeitung hat er jetzt gelesen, dass jeder Dritte die Sprachassistenten nutzt. Immer mehr Aufgaben lassen sich die Menschen von ihren kleinen digitalen Helferlein erledigen. Mit dem Mehr an Freizeit kaufen sich die guten Leute dann noch mehr an digitaler Technik, um sich noch mehr helfen zu lassen. Am Ende kommt dann der Pflegeroboter der neuesten Generation, der einem den Po abputzt und auch mal beim Sterben das Händchen halten kann.

Spätestens dann merken sie, dass hier irgendwas an Menschlichkeit fehlt, denkt Herr Hoffmann immer noch aufgewühlt und schaut rüber zu seinen beiden lachenden Stammkunden.

„Kennt ihr die Asimov’schen Robotergesetze?“, fragt er über die Theke. Die Beiden schütteln den Kopf. Herr Hoffmann dreht sich zum Zigarettenregal um. An einer Seite hängt ein ausgedruckter Zettel. Sowohl Paket Paul als auch Lukas ist der Zettel nie aufgefallen. Herr Hoffmann reißt den Ausdruck ab und reicht ihnen das Stück Papier.

„Denkt mal drüber nach“, sagt Herr Hoffmann.

  1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird
  2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Die beiden Stammkunden studieren den Zettel. “Asimov’schen Robotergesetze? Du bist ein Typ, Herr Hoffmann”,sagt Lukas mit einem Lachen.

“Denkt drüber nach”, wiederholt Herr Hoffmann ernst.

Sie versprechen es.